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10/2014

Hintergrund

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Im Gespräch: Balázs Bodó

Schattenbibliotheken

Piraterie

oder

Paradies?

Der Informationsrechtler

Balázs Bodó spricht über groß-

angelegte Internet-Datenban-

ken, die unter anderem kosten-

lose Raubkopien geschützter

Forschungsartikel anbieten.

Sie glauben, Internetpiraterie ist nur etwas

für Musikliebhaber und Filmjunkies und

hatmit der noblenWelt derWissenschafts-

literatur nichts zu tun?Weit gefehlt. Auch

wissenschaftliche Literatur wird ohne Be-

achtung des Urheberrechtes verbreitet, in

gewaltigen Datenbanken offengelegt und

ist somit für jeden Internetnutzerweltweit

frei zugänglich.

Nature

,

Science

, Elsevier –

alles drin, und oftmals auf neuestem

Stand. Kostenlos. Und – größtenteils

– illegal.Woher kommendieseDaten-

banken?Wer betreibt sie, und ist ihre

Existenz einProblem?Der ungarische

Piraterie-Forscher Balázs Bodó, der-

zeit Marie Curie-Fellow am Institut

für Information und Recht (IviR) der

Universität Amsterdam, beschäftigt

sich seit zwei Jahren mit einer dieser

Schattenbibliotheken – und ist diesen

Fragen nachgegangen.

LJ: Sie erforschen, wie wissen-

schaftliche Schattenbibliotheken ge-

nutzt und betrieben werden. Was ist

das eigentlich, eine Schattenbibliothek?

Bodó

: Schattenbibliotheken sind

nichts anderes als Datenbanken, auf

die man über das Internet zugreifen

kann. Sie werden nicht von einer of-

fiziellen Stelle oder einemUnterneh-

men betrieben und enthalten viele

Millionen Dokumente und Bücher,

die frei und umsonst zugänglich sind.

Ihr Ziel ist es, Texte ohne rechtliche

oder ökonomische Hürden zu ver-

breiten.

LJ: Die Datenbank, mit der Sie

sich beschäftigen, hat ihren Ursprung

in Russland. Warum haben Sie sich ausge-

rechnet diese ausgesuc

ht?

Bodó

:Weil es imAugenblick die größ-

te Sammlung ist. Sie enthält über 1,2Mil-

lionenwissenschaftliche Bücher und rund

zwanzig Millionen Artikel aus wissen-

schaftlichen Journals. Ich nenne den rich-

tigenNamennicht,weil dieBetreiber nicht

ins Scheinwerferlicht geraten wollen. Ich

haben deshalb ein Pseudonym erfunden

– [Aleph], so nenne ich die Datenbank.

Die Betreiber verlangen kein Geld für die

Nutzung und zeigen keine Werbung, das

Angebot ist vollständig nicht-kommerzi-

ell. SiewollenWissen zugänglichmachen,

weil sie glauben, dass Wissenschaft nicht

möglich ist ohne Zugriff auf vorhandenes

Wissen. Nach demMotto: „Wir stehen auf

den Schultern von Giganten“.

LJ: Und man kann alle Inhalte herun-

terladen?

Bodó

: Ja, und nicht nur das. Denn

die Betreiber kontrollieren die Daten-

bank nicht, im Gegensatz zu den meisten

anderen Piraterie-Netzwerken. Wenn

man auf die Website kommt, sieht man

eine Suchmaske, mit der man zum Bei-

spiel ein Buch suchen und herunterladen

kann. Aber man kann auch den ganzen

Katalog herunterladen, oder alle Bücher

in der Datenbank, die ganze Datenbank

oder sogar den Server-Code, mit der die

Datenbank programmiert ist. Man kann

die ganze Site nehmen und irgendwo an-

ders hin verpflanzen.

LJ: Gibt es schon solche Ableger der Ur-

sprungsdatenbank?

Bodó

: Es gibt schon ein halbes

Dutzend Kopien davon, auf dem

ganzen Globus verteilt. Und es gibt

nicht eine Person, die das exklusiv lei-

tet – undwennman die angreift, dann

kippt das ganze Projekt. Das macht es

auch so schwierig, dagegen rechtlich

vorzugehen. Ich glaube nicht, dass

Strafverfolgung dazu führen wird,

diese Schattenbibliotheken wieder

verschwinden zu lassen.

LJ: Die Datenbank vermehrt sich

also, aber sie wächst auch ständig. Wie

füllt sie sich mit Inhalten

?

Bodó

: Es gibt eine kleine Gruppe

von Freiwilligen. Wenn die eine Text-

sammlung im Internet sehen, pri-

vate Sammlungen oder einfach frei

zugängliche Textsammlungen, dann

speisen sie das in die Datenbank ein.

LJ: Wer sind diese Freiwilligen?

Bodó

: Ich habe mit einigen der

Betreiber gesprochen, aber ich weiß

nicht, wer sie wirklich sind. Ich weiß,

dass viele von ihnenAkademiker sind,

vermutlich aus Russland, aber auchda

bin ich nicht ganz sicher. Ich versuche

auchnicht, ihre Identität aufzudecken,

sie wollen ja anonym bleiben.

Der Informationsrechtler Balázs Bodó erforscht Daten-

banken, die unter anderem PDFs von kostenpflichti-

gen Forschungsartikeln umsonst bereitstellen.

Foto: Privat