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1-2/2015

Laborjournal

Hintergrund

21

Gelbe Biotechnologie

Nach der roten (Pharma-), der grünen

(Agro-), der weißen (Industrie-) und der

blauen (Meeres-) Biotechnologie gibt es

jetzt auch eine gelbe Variante. Was Gelbe

Biotechnologie allerdings genau bedeutet,

ist umstritten. Einer älteren Begriffsbe-

stimmung zufolge dreht es sich dabei um

bio- bzw. gentechnologischeAnwendungen

rund um die Ernährung. Seit kurzem aber

gibt es eine völlig andere Definition. Gelbe

Biotechnologie handelt demnach von der

Biotechnologie

an

und

mit

Insekten, ihren

Zellen und den von ihnen produzierten

Stoffen. Die zweite, neuere Auslegung des

Begriffs stammt von Andreas Vilcinskas,

einem inGießen tätigen Entomologen. „Ich

habe den Namen geprägt, um die vielen

Facetten der Biotechnologie an Insekten

mit einemBegriff umschreiben zu können.

Dass andere Forscher den Begriff anders

interpretieren, stört mich aber nicht – da

bin ich völlig leidenschaftslos.“

In der mit über einer Million beschrie-

benen Arten enorm diversen und evoluti-

onär so erfolgreichen Organismengruppe

vermutet man ein reichhaltiges Repertoire

an interessanten Molekülen, die für medi-

zinische, industrielle und agronomische

Zwecke nützlich sein könnten. Aber auch

die Verwendung von Insektenzellen oder

zellfreien Systemen zur gentechnischen Er-

zeugung von Proteinen oder Impfstoffen

zählt zuden vielen Facettender GelbenBio­

technologie – ebenso wie die Freisetzung

gentechnisch veränderter Insekten zur

Bekämpfung von Krankheiten in Mensch,

Tier und Pflanze, die ihrerseits wieder von

Insekten verursacht werden. Und schließ-

lich hält man sie für durchaus vielverspre-

chende Modellorganismen für Toxizitäts-

tests von Pharmaka und Lebensmitteln

beziehungsweise deren Inhaltstoffen.

Nach dem Honig kam nichts mehr

Obwohl Insekten zu der mit Abstand

umfangreichsten Organismengruppe ge-

hören, untersuchte man sie bisher kaum

unter demGesichtspunkt der Anwendung.

Pharmazeutisch wirksame Stoffe, Indus-

trieenzyme oder Zusatzstoffe von Nah-

rungsmittelnwerdennachwie vor klassisch

aus PflanzenundMikroorganismengewon-

nen – und nicht aus sechsbeinigen Krabbel-

tieren. Bekannteste Ausnahme: der Honig.

Dabei vermutet nicht nur Vilcinskas, dass

Insekten zudem eine reichhaltige Quelle

für Naturstoffe sind. Auf der Homepage des

LOEWE-Zentrums für Insektenbiotechno-

logie in Gießen, das Vilcinskas leitet, heißt

es: „Die Insekten gelten als die erfolgreich­

ste Tier- oder Organismengruppe auf der

Erde. Ich bin davon überzeugt, dass diese

Biodiversität, die man auf der Artebene

sieht, sich auch auf der Molekülebene wi-

derspiegelt. Das heißt, sie sind eigentlich

ein riesengroßer Wirkstoffschrank, und es

geht nun darum, gezielt diese neuenWirk-

stoffe zu entdecken und für dieMenschheit

nutzbar zu machen.“

Verwesungsverhinderer

Aha, Insekten bergen also einen Schatz,

den es zu heben gilt. Man darf gespannt

sein. Da es nun so wahnsinnig viele Insek-

ten gibt, muss man bei der Wahl seiner Un-

tersuchungsobjekte erstens nicht zu zim-

perlich und zweitens ziemlich clever sein.

Vilcinskas bestätigt: „EineMillion Insekten

zu screenen, ist ja utopisch; alsomuss man

schlau und kreativ sein.“

So suchte der Insektenforscher mit sei-

nen Kollegen beispielsweise eben nicht in

Bienen oder Grashüpfern nachMolekülen,

die Fleisch konservieren oder zersetzen

können, sondern vielmehr in den auf An-

hieb weniger sympathischen Totengräber-

käfern. Diese verfügen offensichtlich über

Substanzen mit den gewünschten Eigen-

schaften, denn sie können zum einen, ge-

messen an ihren eigenen Körpern, Fleisch

in großen Mengen vor der Verwesung

bewahren. Und sie können zum anderen

dieses Fleisch auch verdauen, ohne es in

den Mund zu nehmen. Warum das? Weil

die Käfer in die eigenhändig produzierte

Fleischkonserve ihre Eier ablegen. Sowie

Frischester Neuzugang im

Regenbogen der Biotechnolo-

gie: die Gelbe Biotechnologie.

Darunter fasst man neuerdings

die Nutzung von Insekten und

den von ihnen produzierten

Stoffen für allerlei Anwen-

dungen zusammen. Speziell

Gießen entwickelt sich gerade

zu einem „gelben“ Zentrum.

Die

Geheimnisse

der

Krabbeltiere

Foto: Richard X. Thripp