Table of Contents Table of Contents
Previous Page  3 / 84 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 3 / 84 Next Page
Page Background

6/2016

Laborjournal

3

Editorial

In schöner Regelmäßigkeit bekommen wir anonyme Zuschrif-

ten. Mehr noch aber solche, in denen die Schreiber sich zwar zu

erkennen geben, aber darum bitten, unbedingt ihre Anonymität

zu wahren, falls wir über das von ihnen angeprangerte Thema

berichten würden.

In all diesen Fällen brennt den Schreibern „ihr“ Thema so

fürchterlich auf den Nägeln, dass sie der Meinung sind, man

müsse die entsprechenden Missstände (oder gar ihre eigenen

„schlimmen, aber durchaus typischen“ Fälle) unbedingt in der

gesamten Forschungsszene bekannt machen. Klar, deswegen

schreiben sie uns ja. Aber ihren Namen – nein, den wollen sie

dann um Himmels willen nicht in dem Artikel stehen sehen.

In den letzten Wochen häuften sich solche Zuschriften in

auffälliger Weise. Im DIN A4-Kouvert kam beispielsweise ein

ganzer Packen vermeintliches „Beweismaterial“, mit dem der

anonyme Absender Datenmanipulationen in gleich mehreren

Veröffentlichungen als klar belegt ansah. Im Begleitbrief drängte

der „Whistleblower“ geradezu, dass wir „diese wichtige Sache“

unbedingt verfolgen und öffentlich machen sollten. Und am

Schluss dann der typische Absatz:

„Wie Sie sehen werden, sitzen die betreffenden Kollegen in

politisch wichtigen Positionen und sind sehr einflussreich. Ich

dagegen bin nur ein unerfahrener Doktorand [...] und arbeite

selbst noch am Ort des Geschehens. Aus diesem Grund muss ich

schlimme Konsequenzen befürchten, wenn ich ‚den Mund auf-

mache‘ – und möchte deswegen unbedingt anonym bleiben.“

Viele werden jetzt sicher zustimmend nicken und denken:

„Nur zu verständlich, dass dieser Doktorand unter solchen Um-

ständen unerkannt bleiben möchte.“ Und wir? Wir prüfen jetzt

erstmal das „Beweismaterial“. Denn oft genug

entpuppte sich ein solcher Anfangsverdacht am

Ende als lauwarmes Lüftchen. Da haben wir

inzwischen viel erlebt.

Anderes, ähnliches Beispiel im Originalzitat:

„Ich möchte Sie gerne anregen, ein kürzlich

publiziertes, deutlich retuschiertes Bildplagiat

als „abschreckendes Beispiel“ in Ihrer Zeitschrift

zu diskutieren und eventuell Kontakt mit den

Autoren beziehungsweise dem Verlag aufzu-

nehmen. Mir ist aus ziemlich sicherer Quelle

bekannt, dass Abb. 1 in [...]

et al.

das Original

und Abb. 4 in [...]

et al.

(obwohl zuerst publiziert) eine „Raubko-

pie“ darstellt. Überzeugen Sie sich selbst!

Da ich anonym bleiben möchte, bitte ich Sie freundlich, nicht

nach meiner Identität zu recherchieren. Ich würde mich sehr

freuen, wenn Sie den Fall aufnehmen würden.“

Es sind aber bei weitem nicht nur potentielle Paper-Fälschun-

gen, die uns anonyme Post oder wenigstens den Wunsch nach

Anonymität bescheren. Im folgenden Beispiel bekamen wir

etwa als Nachgang zu einem komplexen Artikel über seltsame

Machenschaften und Machtverhältnisse in einem bestimmten

Institut weitere Informationen angeboten, die nach Meinung des

Absenders die gesamte Angelegenheit womöglich in einem ande-

ren Licht aufleuchten lassen würden. Wörtlich schrieb er:

„Ich kann Ihnen alles darüber erzählen, falls Sie interessiert

sind, eventuelle Missverständnisse aus demWeg zu räumen.

Allerdings müssen sie mir zuvor absolute Anonymität garan-

tieren. Ich mache mir sicherlich nicht zu Unrecht Sorgen über

die möglichen Konsequenzen, wenn ich von gewissen einfluss-

reichen Leuten, die aus welchen Gründen auch immer die andere

Seite unterstützen, als derjenige identifiziert werde, der Ihnen

dies ‚verraten‘ hat.“

Das Angebot, seine Sicht der Dinge selbst in einem anonymi-

sierten Leserbrief darzulegen, lehnte der „Informant“ am Ende

leider doch lieber ab.

Eine dieser „anonymen“ oder „anonymisierten“ Geschichten

schaffte es dann aber doch in das vorliegende Heft. Ab Seite

21 beschreibt unser Anonymus den eigenen Fall der abstrusen

Ablehnung eines Forschungsantrags, den er im Rahmen einer

Förderinitiative des Bundesministeriums für Ernährung und

Landwirtschaft eingereicht hatte.

Bereits in seiner ersten Mail hatte Anonymus gedrängt:

„Ich möchte [...] gerne anonym bleiben, da ich Nachteile für

mich und meine Arbeitsgruppe befürchte, wenn meine Identi-

tät bekannt werden würde.“ Und als er schließlich die von der

Redaktion überarbeitete Endversion nochmals vorgelegt bekam,

schrieb er weiterhin besorgt: „Eine Frage hätte ich noch: Könnte

jemand Sie, also die Redaktion des

Laborjournals

, über den

Rechtsweg zur Nennung des Autorennamens zwingen?“

„Nein, der Informantenschutz ist heilig“,

dachte unser Chefredakteur. Sicherheitshalber

fragte er aber doch bei unserem Medienanwalt

nach. Und der bestätigte endgültig: „Sie können

ihn beruhigen. Das fällt unter das Schweige-

recht der Redaktion und kann auch gerichtlich

nicht erzwungen werden.“

Gut, dass wir alle das hiermit jetzt wissen.

Was bei all diesen Beispielen aber bleibt, ist

das wirklich ungute Gefühl, dass in unserem

Forschungsbetrieb offenbar viele Leute ganz

erhebliche Angst vor möglichen Repressalien

haben, wenn sie nur ein bisschen Meinung namentlich publik

machen wollen. Oder wenn sie völlig berechtigt und in guter

Absicht auf mögliche Missstände hinweisen wollen. Diese

verbreitete Angst wirkt umso befremdlicher, da doch gerade

Wissenschaft und Hochschulen die freie Meinungsäußerung

samt offenem Diskurs mit als ihre höchsten Güter proklamieren.

Dennoch ist die Angst vor offener Meinungsäußerung da.

Wir spüren sie immer wieder.

Die Redaktion

Illustr.: hypescience.com