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12/2016

Laborjournal

HINTERGRUND

16

Vitamin-B12

Dem Mangel

auf der Spur

Am Institut für Labormedizin der HELIOS

Kliniken in Berlin klingelt das Telefon von

Peter Lodemann. Der leitende Oberarzt

unterbricht seine Arbeit und nimmt den

Hörer ab: „Hallo Herr Lodemann, Ritter

hier. Haben Sie eine Minute?”

Natürlich hat er die. Am anderen Ende

der Leitung spricht Michael Ritter, Spezi-

alist für Endokrinologie und Diabetologie,

ebenfalls von denHELIOS Kliniken. Und er

kommt direkt zur Sache: „Das Holotransco-

balamin, das wir bei Vitamin-B12-Mangel

messen – bindet das nur anTranscobalamin

2, oder auch an 1 und 3?”

EinMangel an Vitamin-B12 (kurz B12)

hat vielfältige, oft unspezifischeSymptome.

Betroffene leiden aber häufig unterMüdig-

keit, Schwindel und Leistungsschwäche.

Fehlt dem Körper B12 auf lange Sicht,

kann das zu Blutarmut und irreversiblen

neurologischen Schäden führen. Wenn der

Arzt bei einemPatienten einenB12-Mangel

vermutet oder dieser einer Risikogruppe

angehört (zumBeispiel Veganer oder ältere

Menschen), misst er normalerweise die

Menge des Markers Holotranscobalamin

(HoloTC) in dessen Blut. Sollte dasMesser-

gebnis einen bestimmtenWert unterschrei-

ten, diagnostiziert der Arzt im Normalfall

einen B12-Mangel, den er anfangs durch

eine hohe Dosis an B12 therapiert.

„Und? An welchen Transporter bindet

HoloTC nun?Wissen Sie das?”, fragt Ritter

erneut.

Das gemessene HoloTC wird auch „ak-

tives Vitamin-B12” genannt. Es bezeichnet

die Verbindung von B12 mit dem Trans-

portprotein Transcobalamin 2. Nur in die-

semZustand kann das Vitamin in die Zellen

aufgenommen werden. Jedoch macht das

an Transcobalamin 2 gebundene B12 nur

zwanzig Prozent des Gesamt-B12-Gehalts

imKörper aus. Die anderen achtzig Prozent

des B12 sind an die Trägerproteine Trans-

cobalamin 1 und 3 gebunden. Heute wird

zwischen ihnen nicht mehr unterschieden:

Transcobalamin 1 und 3werden als Hapto-

corrin zusammen gefasst, Transcobalamin

2 nennt sich einfach Transcobalamin.

Über die Funktion des an Haptocorrin

gebundenen B12 ist nur wenig bekannt.

In seltenen Fällen kann Haptocorrin ge-

netisch bedingt ausfallen, Menschen mit

dieser Krankheit zeigen allerdings keiner-

lei Symptome. Aus diesem Grund wird die

biologische Funktion als eher unwichtig

eingestuft.

Ein interessanter Fund

„Danke, Herr Lodemann. Eine Frage

hätte ich da noch“, holt Ritter erneut aus.

„Wie sicher erfasst der HoloTC-Test einen

B12-Mangel überhaupt?“.

Lodemann stutzt. Mit Verweis auf die

übliche Literatur wäre eine einfache Ant-

wort zwar möglich („Der Allgemeinarzt“

6/2015,

Dtsch Arztebl

680-5), aber damit

gibt sich Ritter meist nicht zufrieden. Ohne

eine genaue Klärung der Frage verabschie-

den sich die beiden, doch Lodemann ver-

Bei Verdacht auf einen

Vitamin-B12-Mangel testet der

Arzt das Blut des Betroffenen

meist auf einen bestimmten

Primär-Marker – das Holo-

transcobalamin. Was seit

Jahren als Goldstandard in der

Vitamin-B12-Diagnostik gilt,

könnte sich schon bald än-

dern – glaubt man den Daten

aus einem Selbstversuch eines

„educated patient“, den ein

Berliner Oberarzt durch Zufall

gelesen hatte.

Foto: Henrik Dolle / Fotolia