Laborjournal 2017-08

| 9/2017 12 Hintergrund Im Mai 2017 veröffentlichte das Laborjournal einen Artikel mit dem Titel „Biologie in der Gender-Debatte: Vom Feminismus geächtet, vom Rechtspopulismus umarmt“. In diesem, von Frau Brynja Adam-Radmanic verfassten Kommentar wird die Tatsache aufgegriffen, dass im Rahmen der Umbenennungsaktion Freiburger Straßennamen auch der Naturfor­ scher Carl von Linné wegen seines mutmaß- lich zweifelhaften Frauenbildes ins Kreuzfeuer geriet – und im Zusammenhang mit der sozi- alkonstruktivistischen Gender-Ideologie the- matisiert ( LJ 5/2017: 16-19). Die Autorin vertritt die These, dass die we- nigen Biologen, die es wagen, eine Geschlech- ter-Irrlehre als unwissenschaftlich zu kritisieren, dem „rechtspopulistischen Spektrum“ beizu- ordnen seien. Diese populäre Ansicht geht auf den amerikanischen Urvater der Gender-Dog- matik zurück: JohnMoney (1921-2006), ein Psy- chologe und höchst umstrittener „Sexologe“, der die Kritiker seiner biophoben Theorie der 1950er Jahre („Babys kommen geschlechtsneu- tral zurWelt undwerden anschließend inmänn- lich/weibliche Richtung erzogen“) als„rechtsra- dikale Rassisten“ und Anti-Frauenrechtler diffa- miert hat. Die Ursprünge und Kernthesen der Gender-Ideologie, von mir daher auch als Mo- neyismus bezeichnet, sind, mit vielen authenti- schen Quellenangaben und Zitaten versehen, in meinem Buch Das Gender-Paradoxon. Mann und Frau als evolvierte Menschentypen (2016) zusammengefasst. Zurück zur Freiburger Straßen-Umbenen- nungsaktion. Die Autorin verweist auf die Stan- ford-Professorin Londa Schiebinger und ver- ortet diese fähige Historikerin in das feminis- tische Gender-Lager – was fragwürdig ist. Be- kanntlich geht es imSchiebinger-Stanford-Pro- jekt „Gendered Innovations in Science, Health & Medicine“ darum, gerade die Unterschiede der Geschlechter herauszustellen und somit die an- ti-Moneyistische Gender-Biomedizin zu fördern. Das beschreibe ich übrigens auch ausführlich in meinem oben genannten Buch. Unabhängig von diesem sachlichen Irrtum wird darauf hingewiesen, dass Carl von Linné (1707–1778) das Taxon Mammalia (Säugetie- re) aufgestellt hat. Seit 1758 ist bis heute aus kompetenten Kreisen keine präzisere Termi- nologie vorgeschlagen worden. Weiterhin hat Linné als Arzt dafür plädiert, dass Mütter ihre eigenen Kinder selbst stillen sollten; der Bio- loge begründete diese Ansicht stichhaltig mit Sachargumenten, die durch aktuelle Studien bestätigt werden konnten (siehe etwa Vikto- ria, C. G.: The Lancet 387: 475-90). Linné woll- te damit unter anderem das damals verbreite- te Ammenwesen zurückdrängen. Wie ich bereits anderswo am Beispiel der deutsch-niederländischen Biologin und Künst- lerinMaria Sibylla Merian (1647-1717) ausführ- lich dargelegt habe, gab es in der Linné’schen Ära selbstverständlich Vorbehalte und ernst- hafte Diskriminierungen gegenüber Frauen im aufkeimendenWissenschaftsbetrieb. Den- noch zeigt das Beispiel M. S. Merian exempla- risch, dass begabte Forscherinnen in der da- maligen, von Männern dominierten Zeit ak- zeptiert worden sind – sofern die Leistungen wirklich originell und herausragendwaren (sie- he Gender-Paradoxon , S. 129-31 sowie Nature Ecol. Evol. 1: 0074). Kommen wir zu den wesentlichen Aus- sagen von Frau Adam-Radmanic. Die Auto- rin weist darauf hin, dass von Seiten gewisser Gender-Soziologinnen behauptet wird, biolo- gische Erklärungen des Verhaltens von Män- nern und Frauenwären bedeutungslos.Weiter- hin wird von diesen naturwissenschaftlichen „Lai-Innen“ die naive Ansicht vertreten, die Bio- logie wäre ein„Ismus“ – und somit gleichzuset- zenmit subjektiver Politik-Agenda oder Religi- on. Jeder forschende Biologe weiß, dass bei- de Aussagen unsinnig sind. Wir können unse- re imGenom niedergeschriebene evolutionä- ren Wurzeln nicht abschneiden; die Biologie ist, ebenso wie die Physik und Chemie, eine Ideologie-freie, ergebnisoffene Naturwissen- schaft. Kurz gesagt: Geglaubt wird in der Kir- che beziehungsweise in den Seminaren gewis- ser Geistes- und Sozialkundler – nicht jedoch innerhalb der Fakten-basierten Life Sciences! Die LJ -Autorin behauptet des Weiteren, dass die Biologie von der Moneyistischen Gender-Irrlehre nicht direkt betroffen sei. Die- se Ansicht wird durch Beiträge in ihrem„Mut- terjournal“ widerlegt. Nachdem dort im Jahr 2015 ein Gender-kritischer Aufsatz erschienen war (Winfried Köppelle:„Glauben stattWissen“, LJ 10/2015: 14), antwortete zunächst ein Gen- der-Befürworter aus der Biologie, um die Köp- pelle‘schen Aussagen zu relativieren (Emanuel Wyler: „Eine andere Perspektive“, LJ 12/2015: 11). Drei Monate später wagte es wiederumein Klinikums-Biologe denWyler’schen Thesen zu widersprechen (Anonymus:„ZumThema Gen- der Studies“, LJ 3/2016: 42–43). Seinen Namen wollte dieser Herr„Dipl.-Biol. Anonymus“ aller- dings nicht nennen, da er„bei Bekanntwerden seiner Identität Nachteile für sich und seinen Arbeitsgruppenleiter von Seiten der Klinikums- leitung“ befürchtete. Nachteile durch wen? Womöglich durchmoneyistisch geprägte Frau- enbeauftragte, die ihre hohle Ideologie vor biowissenschaftlichen Tatsachen schützen wollen? Weiterhin möge Frau Adam-Radmanic die Marburger Schrift Gender-Perspektiven in der Biologie studieren. In diesem pseudowissen- schaftlichen Geschlechter-Pamphlet, bezahlt vom deutschen Steuerzahler-Michel sowie verbreitet über eine hessische Landesuniver- sität, werden zentrale Forschungsergebnisse aus der Biologie als „Vermeintlichkeiten“ und Der Kasseler Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera antwortet auf Brynja Adam-Radmanics Beitrag „Biologie in der Gender-Debatte: Vom Feminismus geächtet, vom Rechtspopulismus umarmt“ aus Heft 5/2017 (S. 16 ff.) . Seiner Ansicht nach gehört die sozialkonstruktivistische Gender-Lehre auf dem Friedhof unsinniger Gedanken- gebäude begraben. Genau so wie etwa der Kreationismus, der Wünschelruten-Glaube und die Homöopathie. Gender-Debatte: Unsinnige Glaubenslehre in der Biologie? Brief an die Redaktion „Geglaubt wird in der Kirche, nicht jedoch innerhalb der Fakten-basierten Life Sciences.“ „Zentrale Ergebnisse aus der Biologie werden als ‚Vermeint- lichkeiten‘ abqualifiziert.“

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