Laborjournal 2017-08

| 9/2017 22 Serie Im letzten Heft warb der Wissen- schaftsnarr prinzipiell für eine Grundförderung, die alle Forscher an- tragsfrei erhalten sollten ( LJ 6/17: 22-23). Damit hat er sich den Boden bereitet für einen weiteren Frontal- angriff auf Altbewährtes: Das Mant- ra von der Exzellenz. Ist der Ruf erst ruiniert, schreibt sich’s eben gänzlich ungeniert! Viel ist schon zumThema„Exzellenz“ geschrie- ben worden – nicht zuletzt in der diesjährigen Sommeressay-Ausgabe des Laborjournals (7- 8/17) das Remake eines Plädoyers des Konstan- zer Philosophen Jürgen Mittelstraß aus dem Jahr 2000. In diesem wirbt er, horribile dictu , für mehr Mittelmaß in der Wissenschaft, und dafür weniger Exzellenz und Evaluation. Oder die fast 500 Seiten füllende Abrechnung mit der„akademischen Elite“ des Bamberger Sozio- logen Richard Münch. In ihr charakterisiert er den Exzellenzbegriff als soziale Konstruktion zur Verteilung von Forschungsmitteln, geißelt die mit diesemBegriff vergesellschafteten Sprech- blasen – und kritisiert von DFG bis zumPrinzip der außeruniversitären Forschung sämtliche heiligen Kühe der deutschen Wissenschafts- landschaft. Im Jahr 2007, kurz nach dem Auf- takt der Exzellenzinitiative auf fast 500 Seiten bei Suhrkamp erschienen, empörte sein Buch die Vertreter der von ihm gegeißelten„Kartel- le, Monopole und Oligarchien“ und führte zu gewaltigem Rauschen in den Feuilletons der Republik. Am Vorabend der dritten Runde der Ex- zellenzinitiative (jetzt: Exzellenzstrategie) er- innern sich wohl nur noch die Älteren daran. Gerade deswegen will ich mich dem Thema noch einmal ganz grundsätzlich nähern. Und weil es möglicherweise einen, für Herrn Mit- telstraß damals noch nicht fassbaren, direkten Zusammenhang zwischen der derzeit allenthal- ben beklagten Krise der (Lebens)Wissenschaf- ten und der Exzellenzrhetorik gibt. Was ist mit„Exzellenz“ eigentlich gemeint? Ist doch eigentlich ganz einfach, oder? Die Spit- ze, das Außerordentliche, die Elite, etwas Her- vorragendes, und soweiter…Bei näheremHin- sehen fällt allerdings auf, dass der Begriff kei- nen Inhalt hat. In der Wissenschaft gibt es ex- zellente Biologen, Physiker, Germanisten, So- ziologen. Dass sie exzellent sind, oder hervor- ragend, bedeutet nur, dass sie imVergleich zu anderen sehr viel besser dastehen – aber wor- an gemessen?Wir erfahren nur, dass es umdie Wenigen am linken Rand einer GaußschenVer- teilung geht. Diese Wenigen werden für wert erachtet, belohnt zu werden – durch Professu- ren, mehr Forschungsmittel, ja ganze Initiati- ven. Und das ist beileibe kein deutsches Phä- nomen. Die Engländer haben beispielsweise ihr Research Excellence Framework (REF) . Ganze Universitäten erhalten ihre Mittel relativ zu ih- rer wissenschaftlichen Exzellenz. Und alle wer- den sie sagen: Das ist doch gut so! Ich sage: Täuschen Sie sich da nicht! Es stellt sich zunächst die Frage, wer ei- gentlich die Forscher, Projekte und Universi- täten nach exzellenten und nicht-exzellenten sortiert. Und nach welchen Kriterien dies ge- schehen könnte. Jack Stilgoe formulierte das im englischen Guardian 2014 so: „‚Exzellenz‘ ist ein altmodi- sches Wort, das ein altmodisches Ideal an- spricht.‚Exzellenz‘ sagt uns nichts darüber, wie wichtig dieWissenschaft ist, aber alles darüber, wer die Auswahl trifft“. Denn es ist ganz einfach so: Die Suche nach Exzellenz wird bei den Kri- terien fündig, die hierfür aufgestellt wurden. In der Biomedizin sind dies Publikationen in einer Handvoll ausgewählter Journale. Oder noch praktischer: Man befragt die abstrakteste aller Metriken, den Journal Impact Factor (JIF). Was also ist exzellent? Publikationen in Journalen mit sehr hohem Impact Factor . Und wie wählen wir exzellente Forscher und de- ren Projekte aus? Durch Zählen von Publika- tionen mit hohem JIF. Worin zeigt sich die Ex- zellenz im geförderten Projekt? Durch Publi- kationenmit hohem JIF. Wemdiese selbstrefe- rentielle Schleife zu simplistisch ist: Na klar, da kannman noch ein paar Kriterien dazunehmen – und damit die Schleife nur vergrößern. Was ist exzellent? Viele Drittmittel, bevorzugt von der DFG. Wie bekommt man viele Drittmittel? Durch Publikation in Journalen mit hohem JIF. Und so weiter und so fort. Aber sind nicht Spitzenpublikationen ein guter Prädiktor für künftige bahnbrechende Er- gebnisse? Leider nein, denn wirWissenschaft- ler, die wir die Arbeit im Peer Review als publi- kabel eingestuft haben, tun uns schwer darin, die Bedeutung und künftige Relevanz von For- schung zu beurteilen. Dies belegen viele Studi- en, wie zumBeispiel diese: Die Bewertung von NIH-Anträgen (genauer: der „percentile“ score ) korreliert sehr schlecht mit der auf Basis von Zitationen extrapolierten Relevanz der geför- derten Projekte. (Hier nur als Fußnote: Für DFG- Anträge könnteman so einen Zusammenhang gar nicht untersuchen, denn die DFG stellt die relevanten Informationen gar nicht zur Verfü- gung.) Am plakativsten zeigt sich unsere Un- fähigkeit, Projekte oder Publikationen mit ho- her Relevanz zu erkennen, in der„Ablehnungs- historie”einer Vielzahl von Arbeiten, die dann Jahre oder Jahrzehnte später mit dem Nobel- preis gekürt wurden. „Breakthrough Findings“ werden nicht über Förderprogramme ausge- schrieben oder durch die Beschwörung von Exzellenz herbeigeredet. Sie „passieren“ ein- fach –meist wenn„Zufall begünstigt wird durch den vorbereiteten Geist“, wie es Louis Pasteur formulierte. Die Sensitivität und Spezifität der Begut- achtung von Spitzenforschung ist also ausge- sprochen unbefriedigend. Von den Falsch Ne- gativen werden vielleicht manche noch Jah- re später entdeckt, die Falsch Positiven ziehen bloß Ressourcen aus dem System. Darüber hinaus hat die Rhetorik der Exzel- lenz aber noch weitere, korrosive Effekte. Sie fördert Narrative der übertriebenen Wichtig- Exzellenztheater: Zeit für einen Wechsel im Spielplan? Einsichten eines Wissenschaftsnarren (4) »Die Falsch Positiven ziehen nur Ressourcen aus dem System.«

RkJQdWJsaXNoZXIy Nzk1Nzg=