Laborjournal 2017-10

| 10/2017 28 Serie Jeder Narr weiß, dass wissenschaft- liche Entdeckungen kaum jemals „glatt und geradeaus“ verlaufen. Trotzdem werden sie zur Publikation oftmals genau so hingebogen. Doch das ist nicht ungefährlich. WirWissenschaftler sind ganz schön smart.Wir stellen Hypothesen auf und bestätigen diese dann in einer Reihe von logisch aufeinander folgenden Experimenten. Erwünschtes Re- sultat folgt auf erwünschtes Resultat, mit je- dem Schritt wird unsere Hypothese mehr zur Gewissheit. Nahezu ausnahmslos sind alle Re- sultate statistisch signifikant – manchmal auf dem 5-Prozent-Niveau, manchmal hat der p- Wert auch ganz viele Nullen. Einige unserer Experimente sind unabhängig voneinander – manche abhängig, weil sie dasselbe„Material“ nutzen, beispielsweise für Molekularbiologie und Histologie. Also machen wir uns ermattet aber glück- lich an die Illustration undVerschriftlichung un- serer Ergebnisse. Nicht nur hattenwir ein gutes Händchen bei der nun bestätigten Ausgangs- hypothese. Das Glückwar uns umsomehr hold, da es die Kette der signifikanten p-Werte nicht abreißen ließ. Vergleichbar mit dem Kauf von vielen Losen einer Lotterie, bei der sich ein Los nach dem anderen als Gewinn erweist. Wenn wir dann noch die Reviewer überzeugen kön- nen, wird es so gedruckt. Übertreibe ich? Ein informelles Durchblät- tern der führenden Journale ( Nature , Cell , Sci- ence , et cetera) belegt, dass die überwiegen- de Zahl der dort publizierten Originalartikel diesemMuster folgt. Besonders deutlich wird die weder von Abbrüchen noch von Nebenwe- gen getrübte Linearität dieses Musters an der Formel „Next we…“ , welche in unzähligen Ar- tikelnmehr als zehnmal Paragraphen einleitet. Ein weiterer Hinweis besteht im fast voll- ständigen Fehlen von nicht-signifikanten Re- sultaten. Dort, womanmal ein „n. s.“ findet, ge- hört es in der Regel auch hin. Denn wenn es hier zu einer Signifikanz gekommen wäre, hät- te es die Hypothese gefährdet. Wie beispiels- weise bei einer Gruppe, die sich nicht von ei- ner Kontrolle unterscheiden sollte, weil etwa dasselbe Gen mit verschiedenen experimen- tellen Strategien manipuliert wurde. Ein naiver Beobachter müsste zu dem Schluss kommen, dass die Autoren solcher Studien nicht nur unglaublich smart sind, son- dern auch unwahrscheinlich viel Glück haben. Er könnte sie gar für Aufschneider oder Betrü- ger halten. Nach ein paar Jahren in der Wis- senschaft wissen wir aber alle, dass da etwas ganz anderes dahinter steckt. Wir erzählen uns nämlich gegenseitigGeschichten („Stories“ ). Die jahrelange Arbeit an der „Story“ im Labor ver- lief so gut wie immer ganz anders. Vieles ging schief, manches war uneindeutig, oder die Re- sultate passten nicht zur Hypothese. Strategien wurden gewechselt. Die Hypothese revidiert. Und so fort. Die„glatte“ Geschichte wurde al- so ex post entwickelt und erzählt. Sie ist also ei- gentlich tatsächlich eine „Story“ . ImWortsinn. Aber ist das ein Problem?Wir wissen doch alle, dass es in Wahrheit nicht so verläuft wie hinterher erzählt. Außerdem interessieren wir uns doch aus gutemGrund nicht für all die Pro- bleme und Holzwege, in die wir bei unserer wissenschaftlichen Exploration geraten. Das liest sich nicht gut und würde uns zudemmit unnützer Information überfluten. Auf der anderen Seite aber öffnet das Ge- schichtenerzählen Tür und Tor für eine Reihe von Untugenden. ZumBeispiel dem „Outcome Switching“ und der selektivenVerwendung von Resultaten. Vergleichbar ist dies mit dem un- gerichteten Abfeuern eines Schusses auf eine Holzwand, auf derman dann umdas Einschuss- loch eine Zielscheibemalt. Mit demLoch in der Mitte. Blattschuss! So kann man nämlich jede beliebige Hypothese„beweisen“! Auch erfahren wir von den Geschichtener- zählern in der Regel nichts über Resultate, die es nicht in die Story geschafft haben – die uns aber gut zu anderen Hypothesen und neuen Erkenntnissen führen könnten. Fragen wir uns daher ruhig mal, woher es denn kommt, dass sich die Berichterstattung über wissenschaftliche Entdeckungen fast voll- ständig von den tatsächlichen Prozessen und Abläufen im Labor abgelöst hat, die ihnen zu- grunde liegen? Ist das ein Produkt unserer Vor- liebe für aalglatte, möglichst spektakuläre Sto- ries? Oder unseres akademischen Belohnungs- Von den Gefahren allzu schöner Geschichten Einsichten eines Wissenschaftsnarren (5) »Man könnte die Autoren für Auf- schneider und Betrüger halten.« Foto: BIH/Thomas Rafalzyk Ulrich Dirnagl leitet die Experimentelle Neu- rologie an der Berliner Charité und ist Gründungsdirektor des Center for Transforming Biomedical Research am Berlin Institute of Health. Für seine Kolumne schlüpft er in die Rolle eines „Wissenschaftsnarren“ – um mit Lust und Laune dem Forschungsbetrieb so manche Nase zu drehen.

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