Laborjournal 2017-11

| 11/2017 18 Hintergrund autorenschaften, Arbeiten als verantwortlicher ‚corresponding author‘ könnenwie Letztautor- schaften berücksichtigt werden. Mindestens 5 der Arbeiten als Erst- oder Letztautor sollen in Journalen publiziert sein, die in den oberen 50 Prozent der Fachkategorie gelistet werden.“ Explizit erwähnt wird der JIF hier zwar nicht, aber bei der Bestimmung der oberen 50 Pro- zent der jeweiligen Fachkategorie taucht er durch die Hintertür wieder auf. Wem das jetzt noch nicht kompliziert ge- nug erscheint, dem empfehlen wir zur weite- ren Steigerung die Publikationsanforderungen der Universitätskliniken in Homburg oder Mün- ster. Dort meint man offenbar tatsächlich, dass eine Qualitätsbeurteilung der Publikationslei- stung noch„griffiger“ wird, wenn man vorweg die Zeitschriften einer jeden Disziplin anhand ihrer JIFs in distinkte Klassen einteilt – und mit diesen Klassen nochmals ein eigenes Punkte- system kreiert. Wie das dann im Detail funk- tionieren soll, sparen wir uns an dieser Stelle aus Gründen der flüssigen Lesbarkeit des Ar- tikels – und verweisen dazu auf das Studium der nachfolgenden Tabelle (S. 19-21). Schlimmer geht immer Wir wollen aber ehrlich sein: Einige weni- ge Universitätsklinika haben den JIF tatsäch- lich nicht in ihren Publikationsanforderungen festgeschrieben – sondern doch eher das Mot- to„Einfachheit ist Trumpf“ befolgt. So verlangt etwa das Universitätsklinikum der TU Dresden schlichtweg zwölf Publikationen, davon sechs als Erst- oder Letztautor. Einige andere gehen sogar noch weiter runter auf zehn oder acht Publikationen, inklusive sechs Erst- oder Letzt- autorschaften – und das alles ohne jegliche JIF- Beschränkungen. Am „genügsamsten“ sind die Klinika in Mainz und Gießen, denen prinzipiell fünf Pu- blikationen als Erstautor (Mainz) beziehungs- weise als Erst- oder Letztautor (Gießen) aus- reichen. Bleiben letztlich noch die Klinika der Unis Köln und Regensburg sowie der TUMünchen, die gar keine Zahlen nennn, sondern laut Ha- bilitationsordnung lediglich eine qualifizierte wissenschaftlicheTätigkeit in und nach der Pro- motion verlangen. Als Nachweis verlangt et- wa die Uniklinik Köln aber dennoch eine „an- gemessen große Zahl von wissenschaftlichen Arbeiten, die in der Regel in international aner- kannten Fachzeitschriften des jeweiligen Fach- gebiets publiziert sind.“ Das ist am Ende zwar dehnbar, bietet aber zumindest die Möglich- keit, sich diewissenschaftlichen Leistungen der Kandidaten tatsächlich individuell anzuschau- en – statt„JIF-Erbsen“ zu zählen. Mehr Impact-Punkte = besser ? Ein wahrer Gemischtwarenladen also, als der sich die Publikationsanforderungen für eine Habilitation an den deutschen Medizinischen Fakultäten entpuppen. Gießen undMainz gibt‘s mit ihren jeweils fünf Publikationen quasi im Sonderangebot amWühltisch, während etwa Bochum, Düsseldorf und die LMUMünchenmit 15 Publikationen inklusive acht Erst- oder Letzt- autorschaften vergleichsweise„hochpreisig“ in der Glasvitrine stehen. Und wahre Rechenkün- ste muss man mitbringen, um überhaupt aus- rechnen zu können, was man für Münster oder Homburg ausgeben muss. Und jetzt kommt natürlich die Ketzerfrage, die sich aus alledem zwangsweise ergibt: Hat schonmal jemand festgestellt, dass deswegen aus Gießen oder Mainz in irgendeiner Form schlechtere habilitierte Mediziner kommen als aus Bochum oder Münster? Keiner, oder?Was die ganze Publikations- und JIF-Erbsenzähle- rei letztlich doch zu einer ziemlichen Farce ver- kommen lässt. Unser E-Mail-Schreiber, demwir diesenVer- gleich und diese Einsichten verdanken, sieht das übrigens genauso. Und zieht folgendes Fa- zit: „Man schaffe Promotion und Habilitation in der Medizin endlich ab.“ Okay, mit der Pro- motion hat seine Tabelle erstmal nichts zu tun – aber wenn schon, denn schon. Und immer- hin formuliert er – wenn auch etwas süffisant – quasi als Zugabe einen einfachen Zwei-Punk- te-Vorschlag, wie man dahin kommen könnte: „1) Statt Promotion soll jeder Mediziner ei- nen Dr. med. bekommen, der ein Erstautor-Pa- per nachweisen kann. Das zeigt doch ausrei- chend, dass der junge Doktor sich auch mal in eine wissenschaftliche Fragestellung verirrt hat. Alles, was sonst für dieWissenschaft wich- tig ist, sollte ja bereits in einem guten Studi- umgelehrt worden sein. Und selbstständig wis- senschaftlich arbeiten, lernt man während ei- ner medizinischen Doktorarbeit in der Regel sowieso nicht, sondern ist nur der Gratis-Pi- pettierheini. 2) Statt der Habilitation gäbe es flächende- ckend einen Professorentitel, wenn man zehn Paper geschafft hat – davon fünf als Erst- oder Letztautor. Dazu käme dann lediglich noch ei- ne festzulegende Zahl von Semesterwochen- stunden an Lehre, welche die Studierenden noch als ausreichend gut evaluierenmüssten.“ Habil kann eigentlich weg Man stelle sich vor, wie entlastend das für unsere schuftenden Ärzte wäre, schließt er. All die gesparte Zeit käme den Patienten, der Fa- milie – und vielleicht ja auch einer guten Leh- re enorm entgegen. Bleibt zum Abschluss noch der Kommen- tar eines Professors an einer deutschen Unikli- nik, den wir um seine Meinung zu dieser Ta- belle samt Schreiben baten. Dessen Antwort: „Ich denke, eine globale Sicht auf die Din- ge hilft hier weiter. Viele Länder kennen den Dr. med. für Ärzte gar nicht – eine Habilitation schon gar nicht. Und die Patienten sterben des- wegen auch nicht früher, sofern genug Geld im System ist. Man könnte also sicher auch hierzulande die Voraussetzungen schaffen, um die Habili- tation zu streichen. Will man aber doch an der Habilitation festhalten – was ich befürchte, da man die Leute damit wunderbar amNasenring hat –, ist es in keiner Weise angemessen, die Publikationen nur nach Anzahl beziehungs- weise JIF zu bewerten.“ Ralf Neumann

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