Laborjournal 2017-11

| 11/2017 24 Serie Der Nobelpreis ist das ultimative Ar- gument für den Individualismus und gegen echte Kollaboration. Wie ech- te Kollaboration überhaupt geht? Schaut mal rüber zu den Physikern! Eigentlich wollte ich diesmal die Physik als Vorbild herausstellen. Als Champion einer Publikationskultur und einer Team Science , von dem wir in den Lebenswissenschaften viel lernen könnten. Und dann geht der Physik- Nobelpreis an die drei (!) HerrenWeiss, Barish und Thorne – für den„experimentellen Beleg“ der von Albert Einstein 1919 vorausgesagten Gravitationswellen. Publiziert in einer Arbeit mit mehr als 3.000 Autoren! Klar, ist wieder viel kritisiert worden amNo- belpreis. Dass ihn stets„alte, weiße Männer be- kommen, die an US-Universitäten lehren“. Oder daran erinnert, dass der gute Herr Nobel ei- gentlich bestimmt hatte, dass nur einer pro Ge- biet ausgezeichnet wird – und das auch nur für eine Entdeckung im zurückliegenden Jahr. Geschenkt! Viel schwerer wiegt, dass der Nobelpreis damit abermals ein absolut anti- quiertes Bild von Wissenschaft fortführt: Die einsamen, genialen Forscher, von denen es nur wenige – genauer gesagt maximal drei pro ge- preistemGebiet – gibt, die für die„Menschheit den größten Nutzen geleistet haben“. Verlie- hen mit einem Spektakel, das einem Eurovisi- on Song Contest oder der Oskar-Verleihung alle Ehre macht. Es wundert mich nicht, dass dies von der Öffentlichkeit begeistert aufgenommen wird. Dort hat man diese Cartoon-hafte Vorstellung von Wissenschaft ja sowieso spätestens seit dem bereits erwähnten Albert Einstein. Zu- mal dieses Bild der Wissenschaft von Newton bis zum ZweitenWeltkrieg, also vor der Indus- trialisierung und Professionalisierung von For- schung, auch durchaus Berechtigung hatte. Beunruhigend finde ich aber, dass sich die wissenschaftliche Community in großem Stil auf diesen Anachronismus einlässt. Sicher, Sie werden nun fragen:„Na und, warum regt sich der Narr darüber jetzt auf?“ Die Preisträger sind dennoch fast immer preiswürdig. Und schaden kann derWissenschaft einwenig PR in den heu- tigen postfaktischen Zeiten, in der Impfgegner und Klimawandel-Leugner fröhliche Urstände feiern, wohl auch kaum. Für den Narren lohnt es sich dennoch, den Nobelpreis zu hinterfragen, da dessen Bild von derWissenschaft als Sache von vereinzeltenGe- nies komplett an der Sache vorbeigeht. Abge- sehen davon, dass Rückständigkeit am Ende al- lemal wissenschaftsfeindlich ist. Natürlich gibt es diese Ausnahmewissen- schaftler. Und ihr Beitrag ist wichtig. Aber der Fortschritt derWissenschaften basiert dochwe- sentlich auf der Leistung vieler, ebenso origi- neller wie fleißiger Forscherinnen und Forscher. Die dann am effektivsten vowärts kommen, wenn sie zusammenarbeiten . Und„normaleWis- senschaft“ im Kuhn’schen Sinn betreiben (sie- he LJ 09/17: S. 28-29). Gerade die internationale LIGO-Kollabo- ration, die jetzt die Gravitationswellen nach- gewiesen hat, ist doch das glatte Gegenteil ei- ner ThreeMen Show . Sie publizierte ihre Ergeb- nisse als „LIGO Scientific Collaboration“ , mit je- weils über 1.000, manchmal 3.000 Autoren und Hunderten von Institutionen. Und das ist gar nichts Besonderes in der Physik, insbesonde- re in der Teilchen- und Astrophysik. Dort erkannte man erstmals im Manhat- tan Project , dass große, komplizierte und die Grenzen des momentan Machbaren überwin- dende Projekte nur durch große kollaborieren- de Teams zu lösen sind. Denn das Projekt zur kriegstauglichen Nutzbarmachung der Kern- spaltung stand dazu noch unter massivemZeit- druck. Undheute gilt folgerichtigder LargeHad- ronCollider des CERN in Genf als Mustereinrich- tung einer multinationalen Forschung zu den großen physikalischen Fragen der Menschheit. Von dort kommen Publikationen mit mehr als 5.000 Autoren, in alphabetischer Reihenfolge. Publiziert werden deren Arbeiten übrigens nur noch selten in den Prestige-reichen Jour- nalen wie Physical Review Letters oder Nature . Die Physik-Community hatte nämlichmit arXiv schon in den frühen 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts einen Dokumentenserver für Pre- prints eingerichtet, der heute weltweit als we- sentliches Forumder wissenschaftlichen Kom- munikation in Physik undMathematik fungiert. Völlig kostenlos für Autoren und Leser – und ganz ohne Review. Bei Peer Review -Journals wird heutzutage nur noch ein geringer Anteil der Physik-Arti- kel eingereicht – undwenn, dann häufig schon mit dem Feedback der Fachwelt aus der Pre- print -Phase. Die Publikationslisten der Physi- ker sind voll von solchen Arbeiten, auch de- ren„Top 5- Auswahlen“. Häufig ist man da auch nicht namentlicher Koautor. Wie auch, bei Lis- ten mit 1.000 Autoren? Professorwerden oder Anträgedurchbringen kannman dort auchmit arXiv -Papers. Die werden nämlich, wenn sie ei- nen relevanten Beitrag leisten, auch gelesen. Und dieQualität eines Forschersmisst sich ganz wesentlich amBeitrag zur Lösung der gemein- samen Fragestellung. Man vergleiche dies mit den Lebenswis- senschaften. Die dort bearbeiteten Fragen sind in ihrer Komplexität denen der Physik absolut ebenbürtig: Krebs, Demenz, Altern…Auch dies sind große Fragen der Menschheit – und ste- hen sogar unter größeremZeitdruck als die Su- che nach dem Higgs Boson oder einer Gravi- tationswelle. Schreit dies nicht nach Manhat- tan -artiger Kollaboration? Doch hätte man Le- benswissenschaftler auf die Suche nach dem Higgs Boson angesetzt, hätten 20.000 Labore versucht SMALL Hadron Colliders zu bauen – von der Grösse einer Tischzentrifuge! Wir arbeiten in Gruppen von im Schnitt acht Forschern (inklusive Studenten), die durch- weg Arbeitsverträge über wenige Jahre haben – undmit Fördergeldern, die höchstens für drei Jahre gesichert sind. Die Forschungsstrategien Frage nicht, was das Experiment für Dich tun kann – frage, was Du für das Experiment tun kannst! Einsichten eines Wissenschaftsnarren (6) »Bei echter Kooperation bekommt das ganze Team den Credit.«

RkJQdWJsaXNoZXIy Nzk1Nzg=