Laborjournal 2018-01/02

| 1-2/2018 20 Hintergrund Ein Blick ins Innere - Wie leicht können unsere Hirn-Daten und Gedanken mitgelesen werden? Foto: iStock / erhui1979 Gläserne Gehirne? Neurotechnologie und Ethik Wenn ein Locked-in -Patient dank Neuroimplantat und Sprachsynthesizer wieder sprechen kann, ist das eine tolle Sache. Falls künftig aber Hirn-Computer-Schnittstellen für jedermann in Mode kommen, könnte das die Gesellschaft verändern. Loggt Facebook dann unsere Gedanken mit? Ein Gedanke genügt, und Christopher surft durchs Internet. Blitzschnell lädt er sich Informationen direkt in sein Gehirn herun- ter. Nun aber hat sich Christopher ausge- klinkt und ist auf der Flucht. Die anderen „Upgrader“ jagen ihn undwollen ihnwieder in das Netzwerk integrieren. Denn sie alle tragen einen Chip imKopf, der es ihnen erlaubt, sogar ihre Gehirne direkt miteinander zu vernetzen. Die Gemeinschaft funktioniert wie ein einzi- ges Bewusstsein, das mit tausenden Augen sieht und auf sämtliche Informationen des Internets Zugriff hat. Dabei war deren Brain- Computer-Interface (BCI) ursprünglich entwi- ckelt worden, um Prothesen zu steuern und gelähmten Patienten die Kommunikation zu ermöglichen. Doch auch der Neurologe, der diesen Chip mit den besten Absichten ent- wickelt hatte, musste untertauchen und ver- steckt sich vor den„Upgradern“. Das oben skizzierte Abenteuer stammt aus der Feder des Science - Fiction -Autors Andreas Eschbach.„ BlackOut “ lautet der Titel des Rom- ans. Eine Technologie wird zunächst für medi- zinische Zwecke entwickelt und dann von ei- ner Untergrund-Szene als Lifestyle-Gimmick zweckentfremdet. Am Ende gerät der Chip, der Lahme zum Gehen und Sprechen brin- gen sollte, zu einer Bedrohung für die gesamte Menschheit. Auf lange Sicht wollen die„Upgra- der“ nämlich jeden in ihr Metabewusstsein in- tegrieren. Damit wirft Eschbach in seiner Ge- schichte auch ethische Fragen auf, mit denen sich tatsächlich Neurowissenschaftler, Juristen und Philosophen beschäftigen. Von der Fiction zur Science BCIs greifen Informationen ab, die di- rekt aus dem menschlichen Gehirn stam- men. Ein sinnvolles Prinzip, wenn ein paraly- sierter Patient dadurch wieder kommunizie- ren und sich über ein Roboter-Assistenzsys- tem selbst versorgen kann. Wie aber steht es um das Persönlichkeitsrecht und den Daten- schutz, wenn dieser Datenstromzwischen Ge- hirn und den technischen Einheiten mitgele- sen werden kann? Verändert ein BCI womög- lich auch die Identität des Patienten? Und wer haftet, wenn bei der Steuerung eines Assis- tenzsystems einmenschlicher Pfleger verletzt wird undman gar nicht genau rekonstruieren kann, ob der Patient diesen Zwischenfall ver- schuldet hat oder ob ein technischer Fehler vorlag? Und nicht zuletzt: Was, wenn solche Hirn-Computer-Schnittstellen auch für Com- puterspiele und die Online-Kommunikation in Mode kommen – nicht, weil jemand als Pa- tient darauf angewiesen wäre, sondern ein- fach weil es schick ist? Und sowaren es imNovember letzten Jah- res keine Science - Fiction -Autoren sondernNeu- rowissenschaftler, die hierzu einen Kommen- tar in Nature veröffentlicht haben –„ Four ethi- cal priorities for neurotechnologies and AI “ lau- tet der Titel des Beitrags (551(7679): 159-63).

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