Laborjournal 2018-01/02

1-2/2018 | 39 RÄTSEL Ein wahrhaft gutes Team: Ihr Mann war der Theoretiker – und sie über- trug seine Theorien erfolgreich in die experimentelle Praxis. Den Nobelpreis jedoch bekam nur er. Die Kampfhandlungen des ZweitenWeltkriegs tobten zwar Tausende von Kilometern ent- fernt, aber dennoch war dieser der Grund für das leicht skurrile Schauspiel, das sich an ei- nem helllichten Tag des Jahres 1944 an einer Universität imNorden der Vereinigten Staaten abspielte: Eine junge Frau, die eher noch aus- sah wie eine High School-Schülerin, trug eine ganz normale Tasche quer über den ganzen Campus von ihrem Chemie-Institut zu den Kollegen in der Physik – und wurde dabei rechts und links jeweils von ei- nem Sicherheitsbeamten flan- kiert. Laut unserer Gesuchten zog die Szene damals viele er- staunte Blicke auf sich – undmit den Informationen, die in den folgendenMonaten und Jahren durchsickerten, dürfte denmeis- ten Beobachtern später ziemlich klar geworden sein, an welchem streng ge- heimen Projekt die junge Chemikerin damals konkret mitarbeitete. Was sich liebt, das neckt sich Ihren Mann hatte die damals 23-Jährige bereits zwei Jahre zuvor geheiratet. Erstmals begegnet war die Tochter polnischer Einwan- derer dem Sohn einer Familie, die ebenfalls osteuropäischeWurzeln hatte, in einemChe- mie-Kurs an einer anderen Universität imNor- den der USA. Er besuchte den Kurs imRahmen seiner Doktorarbeit, sie hatte damals ein Bun- desstaaten-Stipendium für ein Chemie-Pro- gramm ergattert. Anfangs, so erzählte unse- re Gesuchte später, mochten sie sich nicht be- sonders und sprachen kaummiteinander. Zu- demwar bereits nach demersten Kurstag klar, dass die beiden mit Abstand die Besten und Schnellsten ihres Kurses waren; und so ver- brachten sie die ersten Kurswochen in einer Art spät-pubertärer Konkurrenz zueinander – sie wollte ihn in den Kursergebnissen schla- gen, und er sie natürlich auch. Klassischer Fall von „Was sich liebt, das neckt sich“ also. Folgerichtig begannen sie ir- gendwann auch ihre Freizeit miteinander zu verbringen – und legten damit denGrundstein für das, was sich in den kommenden Jahren zu einer Art Traumpaar der Kristallographie entwickeln sollte. In ihrer produktivsten Phasewar es jedoch – streng genommen – ein Quartett, das sich unmittelbar nach demKrieg an einemMarine- forschungsinstitut der US-Re- gierung zusammenfand. Unse- re Gesuchte war gerade ihrem Ehemann dorthin gefolgt, wo er bereits einen Kollegen aus der Mathematik für die theo- retischen Probleme der Struk- turanalyse organischer Mole- küle anhand vonRöntgen- und Elektronenbeugungsmustern begeistert hatte. Bleibt noch Nummer Vier des Quartetts: Einer der ersten Großrechner überhaupt von IBM. Ohne die- sen Großrechner hätten der Ehemann und der Mathematiker damals wohl kaum ihre Model- le entwickeln und überprüfen können, nach welchen Gesetzmäßigkeiten die erhaltenen Beugungsmuster mit den dreidimensionalen Strukturen der untersuchtenMolekülemathe- matisch zusammenhängen. Die Reaktion der Kollegen auf die Theorie fasste der Ehemann später so zusammen:„Die meisten glaubten nicht einWort von dem, was wir geschrieben hatten.“ Diese tiefe Skepsis sollte erst weichen, als unsere Gesuchte auf der Basis der theoretischen Errungenschaf- ten ihres Mannes und seines Partners tatsäch- lich auch praktisch die Strukturen„schwieriger“ Moleküle knackte – darunter beispielsweise auch Peptide und tierische Toxine. 1966 publizierte das Ehepaar schließlich ein„Meilenstein-Paper“, das den Kollegen zu- sammen mit der entsprechend weiterentwi- ckelten Software endgültig das Tor zur routi- nemäßigen Strukturanalyse komplexer Mo- leküle aufstieß. Als dann einige Jahre später die beiden Theoretiker, nicht aber unsere Gesuchte, den Chemie-Nobelpreis erhalten sollten, wollte der Ehemann diesen aus lauter Ärger darüber aus- schlagen. Seine Frau jedoch stimmte ihn letzt- lich um – sinngemäß mit den Worten: „Reg‘ dich doch nicht auf, ich hab‘ genug andere Preise bekommen.“ Wer war sie? RN Na, wer ist‘s? Mailen Sie den gesuchten Namen sowie Ihre Adresse an: redaktion@laborjournal. de. Wir verlosen mehrere Laborjournal- T-Shirts. In LJ 11/2017 war Otto Meyerhof gesucht. Gewonnen haben Georg Groß (Frankfurt) und Jörg Murken (Göttingen). Auflösung aus LJ 12/2017: Der gesuchte, zurückhaltende Inder ist der Biochemiker Yellapragada Subbarow , oder wie er in seiner Hei- matsprache Telugu geschrieben wird: (1895-1948). Obwohl seine Entdeckung der Rollen von Phosphokreatin und Adenosin- triphosphat bei der Muskelaktivität sicher zu den wichtigsten des letzten Jahrhunderts gehörten, bekam er den- noch keinen festen Job an der Harvard University – ja, er erhielt gar Zeit seines Lebens keine Green Card für die USA. Dies verhinderte dennoch nicht, dass er in den Lederle Laboratories (heute Pfizer) eine Reihe weiterer wichtiger Entdeckungen machte. Unter anderem entwickelte er den Immunmodulator Methotrexat; und noch heute bestimmt man mit dem Fiske-Subbarow-Assay anorganisches Phosphat. Die Kristall-Praktikerin Kennen Sie die?

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