Laborjournal 2018-01/02

1-2/2018 | 71 BUCH ET AL. DenbritischenArzt undAutor Sir Arthur Conan Doyle, geboren 1859 in Edinburgh, kennen wohl die meisten durch die Erzählungen von Sherlock Holmes und dessen Freund Doktor Watson. Doch bevor sich Doyle als Schriftsteller einen Namenmachte, entschied er sich im Jahr 1876 für einMedizinstudiuman der Universität von Edinburgh. Dort arbeitete er als Assistent von Doktor Graham Bell – der als realeVorlage von Sherlock Holmes gilt (was übrigens in der lesenswerten Kriminalroman- Trilogie von David Pirie hervorragend in Szene gesetzt wurde). Im Jahr 1880 bot ein Kommilitone dem jungen Medizinstudenten Doyle an, für sechs Monate als Schiffsarzt auf einem Arktis-Wal- fänger mitzureisen. Doyle nahmdas Angebot an und so reiste er vom 28. Februar bis zum 11. August des Jahres auf der S. S. Hope und hielt seine Erlebnisse im Logbuch fest. Fleißiger Schreiber Schnell stellte Doyle fest, dass seine wich- tigste Aufgabe an Bord nicht diemedizinische Betreuung der Mannschaft war, sondern„dem KapitänGesellschaft zu leisten“ (Seite 28). Zwar mussteDoyle auch tatsächlichmal medizinisch tätig werden, beispielsweise litt der Kapitän unter„Blubberlosigkeit“ (Seite 99), dochmehr Zeit verbrachte er mit Boxen und in geselliger Runde mit den anderen Seeleuten. Sein Ein- trag im Logbuch vom 29. Juli beispielsweise endet mit den Worten „Abends Gin und Ta- bak“ und beginnt am nächsten Tag reumü- tigmit denWorten:„Büßte für Gin undTabak“. Überhaupt schreibt Doyle sein Logbuch überraschend humorvoll und selbstironisch. So hält er fest, dass ihn der Kapitän „Großer Eistaucher“ nannte, nachdem er einige Male ins Polarmeer gefallen war. An einemTag so- gar drei Mal – Grund genug, die deutsche Aus- gabe mit demselben Titel zu versehen. Einen großen Teil der Zeit nahm die Jagd ein. Aber nicht nur auf Wale (welche die Be- satzung eher selten traf), sondern besonders auf Robben und alle anderen Tiere der Polar- region. Selbst Doyle fand Gefallen daran und führte akribisch Buch über seine Jagderleb- nisse. So erlegte er insgesamt mehr als siebzig Robben und diverse Vögel (Seite 144). Als die Crew endlich einen Wal gesichtet hatte, be- gann die eigentliche Jagd – was sich trotz al- ler vorherrschenden Ablehnung gegenüber demWalfang aus Doyles Feder höchst span- nend und interessant liest (Seite 117). In kalter Polarluft Dabei schafft Doyle mit diesem Logbuch dasselbe, was ihm auch mit seinen späte- ren Sherlock Holmes Geschichten gelang: Er begeistert den Leser. Denn auch wenn ta- gelang Nebel herrschte, auf dem Walfänger nicht viel passierte und die Besatzung dem- entsprechend nur untätig herumsitzen konn- te (Seiten 127 – 130), illustriert Doyle dies so lebhaft, als würde der Leser förmlich mit der Besatzung auf günstige Winde warten, wäh- rend er die kalte Polarluft einatmet. Auch die Wissenschaft kam auf der Rei- se nicht zu kurz: Doyle fand einen„eigenarti- gen Pilz auf dem Eis“ (Seite 134), den er leider nicht näher beschrieb, und kochte einen„ro- ten Hering auf sehr wissenschaftlicheWeise“ (Seite 121). Nur leider erfährt der Leser nicht, wie er schmeckte. Außerdem fing der Brite eine Meeresschnecke (Seite 100), nannte sie John Thomas und kümmerte sich um sie, bis sie schließlich nach kurzer Zeit verstarb. Dar- aufhin schrieb Doyle eine wahrscheinlich ein- malige Trauerrede an eine Meeresschnecke (Seiten 105 – 106). Allerdings erscheinen Doyles zoologische Angaben zu den Tieren nicht immer zuverläs- sig. „Arthur Conan Doyle war einer der bes- ten Geschichtenerzähler seiner Generation, seine naturwissenschaftlichen Anmerkun- gen sollte man aber mit Vorsicht genießen“, schreibt Alexander Pechmann, der das Log- buch übersetzt hat, in seinem anschließen- den Essay„Die Tierwelt der Arktis – Arthur Co- nan Doyles zoologische Liste“. Dieser Essay und die Einleitung von Jon Lellenberg und Daniel Stashower runden das gesamte Buch stimmig ab ebenso wie das Faksimile mit ori- ginalen Abdrucken des Logbuchs und Doyles Skizzen. Hingegen sind die übrigen Schriften Doyles über die Arktis im Anhang nach der Lektüre des Logbuchs eher redundant. Das Logbuch umfasst im Übrigen insgesamt 199 Fußnoten der Herausgeber, die zwar teilweise den Lesefluss hemmen, aber dafür viele Hin- tergrundinformationen geben und so schließ- lich doch die Lektüre bereichern. So wird als „Blubber“ die Fettschicht vonWalen und Rob- ben bezeichnet, was damit auch die seltsame Erkrankung des Kapitäns erklärt. Insgesamt ist das Buch eine uneinge- schränkte Empfehlung für jeden begeister- ten Leser der Werke Sir Arthur Conan Doyles, die ein Vielfaches mehr umfassen als nur die Sherlock Holmes Geschichten (beispielsweise die Erzählungen über den exzentrischen Bio- logie-Professor Challenger). Aber auch alle, die sich für Abenteuer oder originelle Reiseberich- te interessieren, werden von dem schreiben- den Eisvogel nicht enttäuscht. Daniel Weber Es ist ein Abenteuer: Die S. S. Hope sticht in See, um in der Arktis Jagd auf Wale zu machen. Als Schiffsarzt mit an Bord ein junger Medizinstudent – Arthur Conan Doyle. Lebhaft schreibt er seine Eindrücke im Logbuch nieder und versucht inständig, kein viertes Mal ins Polarmeer zu fallen. Wal, da bläst er Sir Arthur Conan Doyle Foto: Walter Benington Arthur Conan Doyle Heute dreimal ins Polarmeer gefallen: Tagebuch einer arktischen Reise (imOriginal 2012 erschienen als „Dangerous Work: Diary of an Arctic Adventure“) Mare Verlag, 2015. 336 Seiten, 28 Euro (gebunden).

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