Laborjournal 2018-01/03

| 3/2018 16 Hintergrund Sie war mitten im Studium – Psychologie und Politik –, als es ihr zunehmend schlech­ ter ging. Die Ärzte rätselten, hauten mit dem Hämmerchen auf ihr Knie, besa­ hen die Gelenke und schickten ihr Blut an Diagnostiklabore. Die lieferten erst nur leich­ te, dann größere Auffälligkeiten. Aber insge­ samt waren die Resultate, abhängig von Arzt und Labor, widersprüchlich. Mal war sie kern­ gesund, mal schwer krank. Kira Merk, so wol­ len wir sie hier nennen, erzählt:„Ein Arzt sag­ te voller Überzeugung das Gegenteil dessen, was sein Kollege sagte. Darauf hingewiesen, meinte er, ichmüssemich schon entscheiden, wem von beiden ich glauben wolle.“ Erst mal glaubte sie keinemund beendete ihr Studiummit Bestnote. Sie hatte sich wäh­ rend ihrer Ausbildung auch mit Testtheorie und Testkonstruktion beschäftigt und fühl­ te sich daher gut gerüstet, diesem Problem der widersprüchlichen Resultate und Diagno­ sen auf den Grund zu gehen. Und das mit je­ der Konsequenz.„Denn ich dachte, es sei was Ernstes.“ Das war es dann auch: Kira Merk hat unter anderem eine lebensbedrohliche Auto­ immunerkrankung. In Deutschland leiden etwa 38 von 100.000 Menschen an systemischem Lupus erythematodes (SLE) – die Krankheit, die auch bei Merk diagnostiziert wurde. Vor fünfzig Jah­ ren starb noch fast jeder Patient innerhalb von zehn Jahren nach der Diagnose dieser selte­ nen Erkrankung, heute überleben immerhin 92 Prozent diesen Zeitraum. Dank einer The­ rapie, die man aber nur bei korrekter Diagno­ se einleiten kann. Einmal positiv, einmal negativ Die Krankheit ist nicht einfach zu erken­ nen, was nicht nur an ihrer ziemlich variablen Symptomatik liegt, sondern auch daran, dass die imHandel befindlichen diagnostischen In- vitro -Tests wie auch die Labore, die sie anwen­ den, von sehr unterschiedlicher Qualität sind. Das bekam auch Merk während ihrer mehrjährigen Suche nach der richtigen Dia­ gnose zu spüren. Heute sagt sie: „Meiner Er­ fahrung nach kennen viele Ärzte dieses Pro­ blem, erklären es in der Regel aber den Pati­ enten nicht. Das schadet den Patienten, denn meist vertrauen sie ja ihren Ärzten. Kaum ein Patient kennt sich mit den Tests aus. Ich ha­ be jahrelang recherchiert und Dokumente ge­ sammelt, umdie Zusammenhänge zu verste­ hen. Das kann man doch keinem Patienten zumuten. Die Aufklärung über Sinn und Aus­ sage eines diagnostischen Tests und dessen Resultats liegt natürlich in der Verantwortung des Arztes.“ Vor zwei Jahren überredete sie ihren Arzt dazu, eine ihrer Serum-Proben zu teilen und an mehrere Labore zu senden, um die Ergebnis­ se dann miteinander vergleichen zu können. Die Laborärzte sollten in ihrem Serum nach Antikörpern gegen Bestandteile des Zellkerns suchen. Solche Autoantikörper sind typisch für SLE, sind aber nicht immer bei allen Pa­ tienten in den gleichen Mengen vorhanden. Das eine Labor machte einen indirekten Immunfluoreszenztest (IIFT), auch Immunflu- orescence Assay (IFA) oder manchmal – irrefüh­ renderweise – auch kurz ANA (Anti-Nukleäre Antigene) genannt. Das ist ein auf menschli­ chen Hep2-Zellen oder Varianten davon basie­ render mikroskopischer Test, bei demAutoan­ tikörper mit markierten Anti-IgG-Antikörpern sichtbar gemacht werden. Mit diesemTest las­ Werden diagnostische Tests und die Arbeit diagnostischer Labore nicht genügend geprüft? Die Erfahrungen der Patientin Kira Merk und die wissenschaftliche Literatur lassen das annehmen. Ist Diagnostik Glückssache?

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