Laborjournal 2018-01/04

| 4/2018 36 SERIE Triffst Du auf eine Weggabelung – nimm sie! Einsichten eines Wissenschaftsnarren (10) Zu Recht werden Forscher beneidet.Wenn sie nicht durch solch lästige Dinge wie Antrag- schreiben, Vorlesungen oder Formularkram aufgehaltenwerden, werden sie dafür bezahlt, ihren tollsten Ideen nachzuspüren! To boldly go where no man has gone before ! Man stö- bert durch die wissenschaftliche Literatur, macht Pilotexperimente, die erstaunlicherwei- se ja fast immer erfolgreich sind. Dann führt man eine Serie von wohlgeplanten und auf- wendigen Experimenten durch. Diese klap- penmanchmal, öfter auch nicht – führen aber immer weiter ins Unbekannte. Auf diesemWeg wird aus einer Idee eine Hypothese, auf eine Hypothese folgen weite- re. Die Hypothesen bestätigen sich! Am Ende – manchmal erst nach mehreren Jahren und unter erheblichem Verschleiß von Personal undMaterial – gelingt es, all dies zu einer„Sto- ry“ zu verbinden [S iehe dazu auch diese Ko­ lumne in LJ 10/2017 ]. Basierend auf einer kom- plexen Kette von Resultaten schließt die Ge- schichte mit einem„Happy End“. In Form ei- nes neuen biologischen Mechanismus, oder zumindest eines Puzzle-Steinchens dazu. Und immer in die Welt getragen mittels einer Pu- blikation. Manchmal sogar in einer der Top- Zeitschriften... In seiner Kurzgeschichte „Im Garten der Pfade, die sich verzweigen“ (1944) beschreibt Jorge Luis Borges (1899-1986) das mysteriö- seWerk des fiktiven chinesischen Schriftstel- lers Ts‘ui Pen. Wenn im Handlungsstrang von Ts‘ui Pens Erzählung mehrere Verläufe mög- lich sind, geschehen diese nicht alternativ, son- dern gleichzeitig! Hierdurch verästelt sich die Geschichte in ein Universum von vielfachen, jeweils möglichen Handlungen, die sich selbst wieder verzweigen – aber auchwieder zusam- menführen können. Borges‘ Metapher vom Garten der sich verzweigenden Pfade, einem unendlichen Labyrinth, hat eine Vielzahl von Künstlern inspiriert – insbesondere im Genre der Hyperfiction . Vor etwas über drei Jahren haben die Sta- tistiker Andrew Gelman und Eric Loken sie auch in die Methodenkritik psychologischer und biomedizinischer Forschung eingeführt. Sie vergleichen das Vorgehen von Wissen- schaftlern mit Ts‘ui Pens Garten: Sie bewegen sich mit ihrer Forschung auf verzweigenden Pfaden durch einen Garten der Erkenntnis. Und so poetisch diese Wanderung auch an- mutet, birgt sie laut Gelman and Loken ge- wisse Gefahren. Genau diesen will ich mich heute zuwenden, denn nur denwenigsten Ex- perimentatoren sind sie bewusst. Folgen wir also einmal einem fiktivenWis- senschaftler in den Garten seiner Forschung. Dort existiert ein veritables Labyrinth von Pfa- den. Abhängig von seinen Ergebnissen, den sich daraus ergebenden Analysen sowie der verfügbaren Evidenz anderer Forscher sucht er (alternativ natürlich auch sie !) sich einen Weg. Er betritt das Labyrinth mit einer Idee – er wird sagen: mit einer Hypothese. Sogleich führt er ein erstes Experiment zu deren Prü- fung durch – und freut sich über das statis- tisch signifikante Ergebnis: eine Western Blot-Bande an der richtigen Stelle! Er biegt deshalb links ab. Bei einem darauf folgenden Experiment ist ihm indes der p-Wert nicht mehr hold, er nimmt folglich den Pfad nach rechts.Während der Wanderung liest er ein aktuelles Paper, das ihn in seinen bisherigen Überlegungen bestätigt und ihm eine neue Idee für das nächste Experiment liefert: Schon biegt er in einen Pfad nach links ein. Dort findet das fol- gende Experiment wieder einen statistisch si- gnifikanten Unterschied – von hier geht es weiter geradeaus. Der jetzt verfolgte, naheliegende Ansatz bringt leider kein verwertbares Ergebnis. Un- ser Forscher läuft also wieder zurück zur letz- ten Gabelung. Hier hellt sich seine Stimmung auf: Das Resultat aus der KnockoutMaus kann im pharmakologischen Ansatz repliziert wer- den! Zwei Wege führen also wieder zusam- men, der Pfad wird breiter, in der Ferne zeich- net sich bereits ein Ausgang aus dem Laby- rinth ab... Und auch das nächste Experiment gelingt. Ein imSignalweg vermutetes Proteinwirdmit- Ulrich Dirnagl leitet die Experimentelle Neurolo- gie an der Berliner Charité und ist Gründungsdirektor des Center for Transforming Biomedical Rese- arch am Berlin Institute of Health. Für seine Kolumne schlüpft er in die Rolle eines „Wissenschafts- narren“ – um mit Lust und Laune dem Forschungsbetrieb so man- che Nase zu drehen. Auch wenn die Statistik gut aussieht auf meinem experimentellen Pfad durchs Unbekannte – sie könnte täu- schen! Weil wir die anderen Pfade nicht kennen. »Beim folgenden Experiment ist ihm der p-Wert nicht mehr hold – er biegt folglich rechts ab.« Foto: BIH/Thomas Rafalzyk

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