Laborjournal 2018-05

| 5/2018 18 Hintergrund Laborjournal: Herr Overmann, Sie sind Ge- schäftsführender Direktor der Deutschen Sammlung von Mikroorganismen und Zell- kulturen (DSMZ) in Braunschweig. Laut de- ren Homepage können Forscher bei Ih- nen 24.000 Mikroorganismen, über 1.400 Pflanzenviren und Antiseren, mehr als 800 menschliche und tierische Zelllinien so- wie 700 Pflanzenzellkulturen für ihre wis- senschaftlichen Projekte bestellen. Kürz- lich haben Sie gemeldet, dass Sie als erste Einrichtung überhaupt in das europäische Register von Sammlungen aufgenommen wurden, welche die Anforderungen des Na- goya-Protokolls erfüllen. Damit nehmen Sie Ihren Kunden zwei zentrale Aufgaben ab – nämlich zu prüfen, ob eine biologische Ressource in den Geltungsbereich des Na- goya-Protokolls fällt und ob alle dafür nöti- gen Dokumente und Genehmigungen vor- liegen. Um zu verstehen, was das bedeutet, müssen Sie unseren Lesern erst einmal er- klären, was es mit demNagoya-Protokoll auf sich hat... Jörg Overmann » Nun, das Nagoya-Pro- tokoll steht ja am Ende eines jahrzehntelan- gen Prozesses. Dazu gehört etwa, dass 1993 fast alle Länder derWelt die Convention on Bio- logical Diversity (CBD) ratifizierten – Ausnah- men waren die USA und der Vatikan, interes- santerweise. Die CBD besagt, dass die biologi- schen Ressourcen eines Landes gleichsam Ei- gentum dieses Landes sind. Man war folglich nicht mehr der Auffassung, dass diese ein Gut der Menschheit insgesamt sind. Die Gründe waren vielfältig. Zum einen war den Entwick- lungsländern das sogenannte Bioprospecting zunehmend ein Dorn im Auge, bei dem ins- besondere internationale Konzerne versuch- ten – unter anderem auch durch Befragung indigener Völker und Gesellschaften –, neu- artige Komponenten in Organismen zu fin- den, um daraus lukrative Wirkstoffe zu pro- duzieren. Gleichzeitig war man der Meinung, dass diese Länder von solchen Ressourcen am besten durch eine nachhaltige Nutzung pro- fitierten. Das Interesse der entwickelten Län- der war demnach, die Entwicklungsländer im Gegenzug zum Schutz der Biodiversität und der betreffenden Ökosysteme zu motivieren. Es war also eine bilaterale Übereinkunft zwi- schen diesen beiden Positionen, wenn man so will. Und seitdem gilt: Wenn ich in solch ei- nemLand arbeite, muss ichmich nach der Ge- setzgebung dieses Landes hinsichtlich seiner Bioressourcen richten. Das Nagoya-Protokoll, das seit dem 12. Oktober 2014 in der Europäischen Union gilt und imdarauffolgenden Jahr auch in der deut- schen Gesetzgebung verankert wurde, defi- niert nun genauer, wie in solchen bilateralen Fällen der sogenannte Vorteilsausgleich zwi- schen zwei Nationen funktionieren soll. Und um dies entsprechend zu unterstützen, hat man dazu ein Prozedere eingeführt, das gewis- se Anforderungen enthält. Zunächst muss ich das entsprechende Land darüber informieren, was ich zu tun gedenke – egal, ob als Forscher oder als kommerzielles Unternehmen. Darü- ber muss Übereinkunft erzielt werden, das ent- Im Gespräch: Jörg Overmann, Braunschweig Seit 2014 regelt das Nagoya-Protokoll die Nutzung biologischer Ressourcen auf globaler Ebene. Der biologischen Grundlagenforschung sind damit erhebliche Probleme entstanden, meint der Mikrobiologe Jörg Overmann im Laborjournal -Gespräch. Und demnächst könnten sie sogar katastrophale Ausmaße annehmen. „Biodiversität folgt nicht dem Völkerrecht“ Foto: DSMZ Braunschweig »In Namibia etwa muss ich von drei Behörden verschiedene Genehmigungen einholen.«

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