Laborjournal 2018-05

| 5/2018 24 Serie Die Ergebnisse Deiner Arbeit ließen sich nicht reproduzieren! Diese Schreckensmeldung fürchtet in letzter Zeit so mancher. Reprodu­ zierbarkeit, Replizierbarkeit, Reliabilität und Robustheit der Forschung werden von den wissenschaftlichen Akademien, den Jour­ nalen, und mittlerweile auch von den För­ dergebern angemahnt. Es ist eine Bewegung für „Reproduzierbare Wissenschaft“ entstan- den; Förderprogramme für die Reproduk- tionvonForschungsarbeiten sindderzeit inVor­ bereitung. In einigenWissenschaftszweigen, allen voran der Psychologie, aber auch in Feldern wie der Krebsforschung werden Forschungsarbeiten nun auch systematisch repliziert. Oder oft eben nicht . Deshalb erle- ben wir eine„Reproduzierbarkeits-Krise“. Mit Daniel Fanelli hat nun kürzlich einWis- senschaftler mahnend seine Stimme erhoben, den man bisher auf der Seite der Befürwor- ter solcher Aktivitäten vermutete.„In den ehr- würdigen Proceedings of theNational Academy of Sciences fragt er rhetorisch: „Is science really facing a reproducibility crisis, and dowe need it to?” Ich möchte mich daher heute, vielleicht amVorabend einer aufkeimenden Gegenbe- wegung, mit einigen Einwänden gegen das derzeitige Mantra von der„Reproduzierbaren Wissenschaft“ auseinandersetzen. Ist Reproduzierbarkeit von Ergebnissen wirklich das Fundament der wissenschaft- lichen Methode? Oder hat nicht, wie Chris Drummond anmerkt, schon Thomas Kuhn in seinemberühmtenWerk„Die Struktur wissen- schaftlicher Revolutionen“ festgestellt, dass der wissenschaftliche Fortschritt ganz und gar nicht in der„normalen“, durch Aufeinanderauf- bauen voranschreitendenWissenschaft statt- findet, sondern durch periodisch wiederkeh- rende„Paradigmenwechsel“? Und der Paradig- menwechsel ist doch alles andere als die Re- produktion von bisher Dagewesenem! Ein verwandtes Argument ist das von der „Trivialität“ reproduzierter wissenschaftlicher Ergebnisse. Danach sind gerade die Befun- de, die auf sattsam Bekanntem aufbauen, ga- rantiert die reproduzierbarsten. Und umge- kehrt: Bedeutet erfolgreiche Reproduktion denn, dass es sich um richtige Resultate han- delt? Was, wenn Originalresultat und Repro- duktion demselben systematischen Fehler auf- sitzen; oder wenn beide ganz zufällig falsch- positive Befunde sind? Und Vorsicht, es wird noch philosophi- scher. Schließlich bezieht sich somancher Kri- tiker der Betonung von Reproduzierbarkeit als Ziel vonWissenschaft gar auf Karl Popper: Nach ihm lassen sich Hypothesen nicht beweisen, sondern nur falsifizieren. Nehmen wir das be- rühmte Beispiel des schwarzen Schwans, der die Hypothese„Alle Schwäne sindweiß“ wider- legt. Eine Studie, welche eine vorherige Unter- suchung, die an einem See nur weiße Schwä- ne vorfand, insofern reproduziert, dass sie an einemanderen See auch nur Artgenossenmit weißen Federn findet, hat diese zwar erfolg- reich repliziert – dieHypothesewäre aber trotz- dem falsch.Was sich insbesondere zeigenwür- de, wenn der schwarze Schwan vorbeifliegt. Dies ist, was Jason Mitchel als „Leere der misslungenen Replikation“ bezeichnet. Das Tolle anWissenschaft ist doch schließlich die Entdeckung von Neuem, nicht die langweili- geWiederholung. Reproduzieren ist also keine Wissenschaft, lautet hier das Verdikt! Ohne solche theoretischen Umschweife gehen dagegen jene Kritiker zur Sache, die Re- plikations-Experimente grundsätzlich für pro- blematisch halten – und zwar, weil sie Zwei- fel an der Kompetenz der Replizierer hegen. Meist verweist man dann auf die Heerscha- ren von Doktoranden und Postdocs, die auf- gerieben wurden, um eine bestimmte Tech- nik im eigenen Labor zu etablieren. Natür- lich würde auch dort von „echten“ Experten alles replizierbar sein. Aber das Vorhanden- sein von implizitemWissen, das nicht imMe- thodenteil von Artikeln wiedergegeben wer- den kann, verhindere amEnde dieWiederhol- barkeit. Demnach beweise die Nicht-Wieder- holbarkeit der Ergebnisse durch andere folg- lich nur eines: deren Unfähigkeit! Und noch etwas sehr Ernstzunehmendes führen die Kritiker ins Feld: Durch die mora- lische Überhöhung der Replikation als Gold- standardwerdenWissenschaftler stigmatisiert, deren Ergebnisse nicht wiederholt werden können. Ganz unabhängig von den Details und Umständen der Replikation, gilt ja irgend- wie stets das Resultat der Replikation als das richtige. Bei Nicht-Replikation steht daher auch gleich der Verdacht mit imRaum, dass hier je- mand nicht sauber gearbeitet, ja vielleicht so- gar gegen die Regeln der guten wissenschaft- lichen Praxis verstoßen hat! Denn gute Wis- senschaft muss schließlich replizierbar sein! Haben die Kritiker also recht? Ist es ein Fehler, Reproduzierbarkeit von Forschung aufs Schild zu heben, sie zu belohnen und gar För- dermittel dafür auszugeben? Ganz sicher nicht. Trotzdem empfiehlt der Narr, die obigen Ar- gumente ernst zu nehmen und sich mit dem nicht ganz trivialen Thema wirklich auseinan- derzusetzen. Zunächst einmal geht es unter demStich- wort „Reproduzierbarkeit“ begrifflich häufig drunter und drüber. Reproduzierbarkeit der Methoden, der Resultate, der aus den Ergeb- nissen abgeleiteten Schlüsse (die inferentiel- le Reproduzierbarkeit) sowie strikte Replikati- on, und so weiter... – das muss man alles sehr Kann denn (Nicht-) Reproduktion Schande sein ? Einsichten eines Wissenschaftsnarren (11) Wissenschaft will neues Wissen ge- nerieren. Neues Wissen muss aber reproduzierbar sein. Dumm nur, dass Reproduzierbarkeit ein heterogener Begriff ist – und keineswegs einem einfachen Ja/Nein-Schema folgt. »Komischerweise gilt ja stets das Resultat der Replikation als das richtige.«

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