Laborjournal 2018-06

| 6/2018 14 Leserbrief Zu Den Artikeln „Ist Diagnostik Glückssache?“ unD „Diagnostika auSSer Kontrolle“ von Karin Hollricher ( LJ 3/2018: 16-23) „Immundiagnostik braucht Verstand und Erfahrung“ Sehr geehrte Redaktion, am 9. Januar veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung unter dem Titel „Blutsbande“ einen Artikel, der den diagnostischen Leidensweg der Patientin Kira Merk beschrieb. Das Labor- journal nahm das gleiche Thema erneut auf. Frau Merk leidet an einer seltenen Autoim- munkrankheit, die auf Grund unspezifischer Symptome zu Beginn der Erkrankung, der großen Variabilität der Erkrankungsmanifes- tationen sowie nicht standardisierter Immun- diagnostik sehr schwer zu diagnostizieren ist. Frau Merk fiel auf, dass ihre Laborergeb- nisse unterschiedlich sind, je nachdem, inwel- chem Labor mit welchemTest ihr Blut unter- sucht wird. Das ist für einen Laien schwer ver- ständlich. Leider sind solche Probleme imPra- xisalltag nicht ungewöhnlich. Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Zum einen handelt es sich bei den für die Diagnos- tik von Autoimmunerkrankungen zu testen- den Autoantikörpern um heterogene Analy- ten, wodurch biologisch bedingte Unterschie- de bei Einsatz unterschiedlicher Nachweisme- thoden resultieren. Ein auf Immundiagnostik spezialisiertes Labor muss aber solche Prob- leme durch Plausibilitätstestungen erkennen und über Kontrollanalysen lösen können. Das für jedes Labor geforderte Qualitätsmanage- ment erweist sich selbst bei Akkreditierung meist als nicht ausreichend. Immundiagnos- tik braucht Verstand und Erfahrung. Zum an- deren ist das Abrechnungssystem für Labor- leistungen nicht darauf ausgelegt, die hier er- forderliche Stufen- und Multiparameterana- lytik durchzuführen. Deshalb wird häufig darauf verzichtet, wi- dersprüchlichen Befunden imDetail nachzu- gehen. Immundiagnostik gehört in speziell da- für ausgelegte Labore. Die von Krankenkas- sen geförderte ASV (ambulante spezialärztli- che Versorgung) könnte dazu beitragen, die Immundiagnostik zu verbessern. Nicht auf Im- mundiagnostik spezialisierte Labore sollten keine spezielle Autoimmundiagnostik anbie- ten. Nur ein enger und regelmäßiger Dialog zwischen klinisch tätigem Arzt, Labormedizi- ner/Immunologen und Testkithersteller kann die Qualität in der Labordiagnostik verbessern und einen hohen Standard gewährleisten.
 Der dargestellte Fall greift ein für die Pa- tientenbetreuung sehr relevantes Problem- feld auf. Allerdings finden sich in dem Artikel von Frau Hollricher erschreckend viele Feh- ler, die von einem grundsätzlichen Nichtver- ständnis der Autoimmundiagnostik zeugen. Das größteMissverständnis in Frau Hollrichers Artikel liegt darin, dass sie die Sensitivität (Te- stempfindlichkeit) mit der Qualität des Tests gleichsetzt. Gerade in der Autoantikörperdia- gnostik sind hoch-sensitive Tests gefährlich, weil sie oft Gesunde oder Patientenmit ande- ren Erkrankungen als positiv identifizieren, al- so nicht wirklich spezifisch für eine Krankheit sind. Das kann zu Fehldiagnosen führen und im schlimmsten Fall zur falschen Behandlung. Ein Autoantikörpertest ist immer ein Kompro- miss zwischen Sensitivität und Spezifität. Und je seltener eine Erkrankung, desto wichtiger ist es, dass der Test spezifisch ist, also nicht bei Patienten mit anderen Erkrankungen po- sitiv anschlägt. Frau Hollricher schreibt etwa, dass der Antikörpertest mit Crithidia luciliae mit einer Sensitivität von unter 30% heute bei weitem nicht mehr Stand der Technik sei. Gleichzeitig zitiert sie aber mehrfach die„ International re- commendations for the assessment of autoan- tibodies to cellular antigens referred to as anti- nuclear antibodies ”, in denen der Crithidia-lu- ciliae -Nachweis wegen seiner hohen Spezifi- tät besonders empfohlen wird, vor allem für Foto: Fotolia / GoneWithTheWind

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