Laborjournal 2018-06

| 6/2018 22 Hintergrund Kann man den künftigen Verlauf der Evolution vorhersagen? Und was würde passieren, könnte man das „Tape of Life“ noch einmal von vorne abspielen? Das Buch „Glücksfall Mensch“ des amerikanischen Zoologen Jonathan Losos rollt dieses Gedankenexperiment des Paläontologen Stephen J. Gould wieder auf. Laborjournal hat einige Evolutionsbiologen um ihre Meinung gebeten. Evolution in der Glaskugel EineMega-Plattenpyramidewächst hinter Zack Blount an die Decke. Wie viele Petrischalen es wohl sind, fragt sein Mentor Richard Lenski, der das Foto seines Mitarbeiters bei Twitter veröffentlichte. Genug jedenfalls, umRespekt vor Blounts Durchhaltevermögen zu haben. Ein guter Teil seiner praktischen Laborar- beit der vergangenen Jahre war wohl unspek- takulär bis öde: Bakterien weitertransferieren, Bakterien auf Platten ausstreichen, Bakterien einfrieren, und dann alles wieder von vorne, über Jahre hinweg. Nicht alles ist Zufall Aber das Lenski-Labor hat mit geduldi- ger Mikrobiologie dasWissen über die Evolu- tion entscheidend vorangebracht. Denn die Plattentürme und die eingefrorenen Esche­ richia coli -Stämme der experimentellen Evo- lutionsbiologen aus Michigan sind eine Zeit- maschine. Sie hilft dabei, eine Frage zu be- antworten, die seit einiger Zeit wieder heiß diskutiert wird: Welche Rolle spielt der Zufall in der Evolution? Klar ist: Evolution ist blind, sie schaut nicht in die Zukunft. Neue Mutationen sind in der Regel Zufallsereignisse.Wobei – daraus zu fol- gern, in der Evolution sei „alles Zufall“ wäre grundfalsch, erklärt der Basler Evolutionsbio- loge Walter Salzburger im Gespräch mit La­ borjournal: „Die Entstehung von Variation in einer Population ist zufällig. Aber die Selekti- on als wichtiger Filter ist alles andere als zu- fällig, Selektion ist gerichtet.“ Jedoch passiert Selektion – und damit Evolution – immer im Hier und Jetzt.„Die Evolution“ ist kein voraus- schauender Architekt. Sie plant nicht und hat kein langfristiges Ziel vor Augen. InMalaria-Gebieten hattenMenschenmit einem sogenannten„Sichelzell-Allel“ des Hä- moglobin-Gens einen selektiven Vorteil – so- lange die zweite Kopie des Gens intakt war. Ho- mozygote Träger der Mutation werden aller- dings schwer krank. AmHämoglobin in dieser Weise herumzupfuschen wäre aus einer lang- fristigen Design-Perspektive kaum die beste Lösung, ummit der Malaria-Bedrohung umzu- gehen. Das ist„der Evolution“ aber egal. Denn wie gesagt, die Evolution als mitdenkenden, vorausschauenden Agenten gibt es nicht. WennVariation zufällig entsteht und Selek- tion immer nur in der ebenfalls von Zufällen geprägten Gegenwart wirkt: Bedeutet das, dass Evolution insgesamt ein zielloser, nicht vorhersagbarer Prozess ist? Der US-Paläontologe Stephen J. Gouldhat- te 1990 in seinem Buch „ Wonderful Life“ ein Gedankenexperiment zu dieser Frage einge- führt, das unter dem Schlagwort „ Replaying the Tape of Life“ (etwa: „das Band des Lebens noch einmal abspielen“) bis heute für Debat- ten sorgt. Der Herpetologe Jonathan Losos Illustr.: otoro.net

RkJQdWJsaXNoZXIy Nzk1Nzg=