Laborjournal 2018-06

| 6/2018 28 Serie Viel wird derzeit nachgedacht und geschrie- ben, auch vom Wissenschaftsnarr, wie man Wissenschaft effizienter, robuster, repro- duzierbarer, ja insgesamt werthaltiger ma- chen kann. Ganz oben auf der Liste stehen Maßnahmen wie die Verbesserung der inter- nenValidität (etwa durch Randomisierung und Verblindung, Ein- undAusschlusskriterien, und so weiter), die Erhöhung der Fallzahlen und damit der statistischen Power, das Abwenden von der Fetischisierung des p-Werts wie auch die Offenlegung der Originaldaten ( Open Science ). Fördergeber und Journale begin- nen dies bereits umzusetzen – und formulie- ren erstmals entsprechende Passagen in ih- ren Förderbedingungen oder denAnleitungen für Antragsteller und Reviewer. Es bewegt sich also was! Das merke ich auch bei den Studenten. Ich unterrichte unter anderem Statistik, gu- te wissenschaftliche Praxis und experimen- telles Design. Dabei beeindruckt mich jedes Mal der Enthusiasmus der Promotionsstuden- ten und jungen Postdocs, sich ins Abenteu- er ihrer wissenschaftlichen Projekte zu stür- zen. Inklusive ihres unbedingtenWillens, da- bei„alles richtig zu machen“. Auch Vorschläge zur Verbesserung der Reproduzierbarkeit und Robustheit ihrer For- schungsprojekte saugen sie auf wie ein tro- ckener Schwamm das Wasser. Allerdings en- det die Diskussion darüber oft unbefriedigend. Insbesondere wenn wir eigene Experimente und Forschungsansätze der Studenten be- sprechen. Häufig werde ich dann darauf hin- gewiesen, dass das ja alles schön und gut sei, aber in der konkreten Umsetzung amArbeits- gruppenleiter scheitern werde. Typischerwei- se würde sich der Widerstand ihrer Betreuer etwa folgendermaßen äußern:„Wir haben das schon immer so gemacht, und konnten damit in Nature und Science landen“;„Wenn wir das so machen, kriegen wir das nie durch den Re- view“;„Das dauert dann ja viel länger, und wir könnten ge- scoopt werden“;„Das könnten wir doch nur in PLOS One , PeerJ oder F1000 Re­ search publizieren, und das Paper kontami- niert dann deinen CV“; und so weiter... Oft wünsche ich mir deshalb, dass nicht nur die Studenten imSeminarraumsitzenwür- den, sondern auch deren Betreuer! Undmir fällt dann immer wieder auf, dass sich der Berufsstand derWissenschaftler auf er- staunlicheWeise von anderen Berufen abhebt – wie Ärzten, Rechtsanwälten, Krankenpfle- gern, ja sogar Bundesligaschiedsrichtern. Im Gegensatz zu diesen fehlt denWissenschaft- lern eine Körperschaft, ein ethischer Code – und Pflichtfortbildungen! Jawohl, Immobili- enmakler und Bundesligaschiedsrichter ha- ben das alles! Wissenschaftler dagegen wird und bleibt man spätestens nach der Promo- tion nur noch durch die einfache Ausübung der Tätigkeit. Piloten müssen dagegen jedes Jahr un- zählige Flugstunden nachweisen und dazu noch einen Flug mit einem Instruktor absol- vieren. Ärztemüssen – unabhängig davon, ob sie niedergelassen, ermächtigt oder angestellt sind – innerhalb von fünf Jahren mindestens 250 Fortbildungspunkte bei ihrer Kassenärzt- lichen Vereinigung nachweisen. Die Idee hin- ter all dem: Sicherstellen, dass man wissens- mäßig auf der Höhe der Zeit ist und seinen Be- ruf gemäß den aktuellen Standards ausführt. Warum brauchenWissenschaftler das ei- gentlich nicht? Sind sie gesellschaftlich nicht wichtig genug? Sodass es nichts ausmacht, wenn was anbrennt in der Forschung, weil sie wichtige Entwicklungen verschlafen haben? Wird man durch seine Tätigkeit, also das For- schen, quasi automatisch fortgebildet? For- schung als Fortbildung also? Oder hat es et- was mit derWissenschaftsfreiheit zu tun – der Angst vor jeder Form der Regulation als Ein- schränkung der Kreativität im Elfenbeinturm? Ruft der Narr jetzt etwa nach einer wei- teren Behörde oder Standesorganisation? Nach Fortbildungspunkten bei Kongressen? Nach einer jährlichen Prüfung für promovier- te und habilitierteWissenschaftler, bei deren Nicht-Bestehen Titelentzug oder Retraktion wissenschaftlicher Artikel drohen? Oder gar Bildet euch fort, ihr Etablierten! Einsichten eines Wissenschaftsnarren (12) Ulrich Dirnagl leitet die Experimentelle Neurolo- gie an der Berliner Charité und ist Gründungsdirektor des Center for Transforming Biomedical Rese- arch am Berlin Institute of Health. Für seine Kolumne schlüpft er in die Rolle eines „Wissenschafts- narren“ – um mit Lust und Laune dem Forschungsbetrieb so man- che Nase zu drehen. In heutigen Zeiten des rasanten Wandels im Wissenschaftsbetrieb weiß der Nachwuchs vielfach besser über wichtige Schlüsselfertigkeiten bescheid als die Etablierten. Daher müssen auch Letztere sich fortbil- den, fordert der Wissenschaftsnarr. »Was der p-Wert bedeutet oder was Pseudoreplikation ist, haben sie nie wirklich wissen müssen.« Foto: BIH/Thomas Rafalzyk

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