Laborjournal 2018-06

| 6/2018 32 Journal Club Drei Räume, zwei schwarze Klaviere, ein Flügel. Und mitten auf einem der Tasteninstrumente ein handgroßer Plüsch-Pinguin. „Wofür der ist?“, wiederholt Claudia Spahn die Frage. „Vermutlich nur ein Maskottchen.“ Spahn ist Leiterin des Freiburger Instituts für Musikermedizin und kümmert sich zusam- men mit ihren Kollegen um Musiker, Schau- spieler und andere, deren Stimme eine wichti- ge Rolle in ihremBerufsleben spielt.„Wir arbei- tenmit Sängern, Instrumentalisten und Schau- spielern zusammen, seien es Profis oder Lai- en“, zählt Spahn auf – und ergänzt:„Aber auch Lehrer, Pfarrer, Journalisten und Politiker ge- hören zu unseren Patienten.“ Vielfältige Behandlung Die Beschwerden dieser Zielgruppe sind vielfältig. Häufig klagen die Patienten jedoch über Stimmprobleme – beispielsweise eine simple Heiserkeit. Aber auch Stimm- und Sprechtrainings werden am Freiburger Ins- titut durchgeführt. „Zum Beispiel testen wir die Belastbarkeit der Stimme von Lehrern, um zu überprüfen, ob diese vor einer Schulklasse nicht versagt“, erzählt Spahn und deutet auf ein großes Mikrofon, das an einen Computer angeschlossen ist. Dazu sprechen die Proban- den mit lauter Stimme wie in einem Klassen- zimmer in den Apparat. Die Auswertung der Tonaufnahme zeigt dann, ob und wann die Stimme überlastet ist und wie gut sie die Si- tuation verkraftet. Letztlich zeigt ein solcher Test also, wie„gesund“ die Stimme ist. Doch die Stimme ist nicht alles. Professio­ nelle Instrumentalisten leiden ebenso häufig unter Überlastungsstörungen der oberen Ex- tremitäten. Dazu zählen Entzündungen der Sehnen in Finger, Hand und Schulter, musku- läre Beschwerden oder Koordinationsschwie- rigkeiten beimSpielen.„Während der Behand- lung spielen die Patienten auf ihren mitge- brachten Instrumenten – auch wenn sie sper- rig sindwie beispielsweise bei Harfenisten“, so Spahn. Für Pianisten stünden zudem diverse Klaviere zur Verfügung.Während des Spielens können Spahn und ihre Kollegen live mitver- folgen, bei welchen Bewegungen Schmerzen oder Probleme auftreten oder welcher Hal- tungsfehler dafür verantwortlich ist. Neben der ambulanten Behandlung wid- men sich Spahn und ihr Team auch der Erfor- schung von physiologischenVorgängen wäh- rend des Musizierens. Anstoß für eine erste Versuchsreihe vor über zehn Jahren war der Freiburger Horn-Professor Bruno Schneider mit seiner Bitte, er möchte endlich wissen, was beim Spielen innerhalb des Körpers pas- siert – er sehe ja nie was. Recht hatte Schnei- der: Denn im Gegensatz zu etwa Streichern oder Pianisten, die regelmäßig die Handha- bung ihrer Instrumente bei Profis beobachten und nachahmen können, zählen bei Blasinst- rumentalisten weitgehend innere Vorgänge, die sie sich leider bei niemandem abschau- en können. Im Inneren verborgen Um den verborgenen Techniken im Inne- ren des Spielers auf den Grund zu gehen, ko- operierten Spahn und ihre Kollegenmit Medi- zinphysikern der Universitätsklinik Freiburg – und verfrachteten kurzerhand Bläserexperten unterschiedlicher Instrumente in einen Kern- spintomographen. Die Ergebnisse fasste die Gruppe 2013 auf einer DVD zusammen („Blas- instrumentenspiel“, ISBN 978-3-86227-089-7). Aber nicht nur mittels Kernspintomographie zeigten Spahn et al. damals, was in Brustraum, Rachen und Mund beim Spielen abläuft: Mit einemdurch die Nase eingeführten Endoskop beobachteten sie die Bewegungen der Stimm- lippen der Musiker während des Musizierens. Die entstandenen Video-Clips von Profi- Musikern sollen die entsprechendenVorgänge Aufnahme läuft FREIBURG: Am Institut für Musikermedizin kümmern sich Ärzte und Therapeuten nicht nur um die ambulante Behandlung der Patienten, sondern erforschen auch die Physiologie des Musizierens. Wie das aussieht, erklärt Leiterin Claudia Spahn – und hat sogar eine digitale Lösung gegen Lampenfieber parat. Trällern imMRT: Die Opernsängerin Okka von der Damerau singt im Kernspintomographen die Arie „Weiche, Wotan, weiche!“ (Erda in der vierten Szene) aus der Oper „Das Rheingold“ von Richard Wagner – Stimmlage Mezzosopran. Gut sichtbar ist die bewegliche Zunge. Bilder (3): Herbling Verlag

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