Laborjournal 2018-07

| 7-8/2018 26 ESSAY Stellen Sie sich vor, nach zehn Jahren nerven- aufreibender Zeit-, Personal- und Kosten-in- tensiver Laborforschung ( in vitro , in silico und in vivo ) zur Wirksamkeit und Sicherheit einer neuen therapeutischen Intervention interes- siert sich im Vorfeld der ersten Testung am Menschen offenbar niemand dafür. Jedenfalls nicht für dieWirksamkeit. Kann das sein? Viel- leicht nicht immer und nicht genau so. Aber erstaunlich ist schon, was wir jüngst festge- stellt haben, als wir einen Blick in die Antrags- dokumente für frühe klinische Forschung zu neuen Arzneimitteln werfen durften. Doch zunächst einige Schritte zurück. Ein Großteil der Laborforschung wird durchge- führt, um besser begründen zu können, dass bestimmte neue therapeutische Ansätze wirk- sam und sicher sein können. Mit „besser be- gründen“ kann keine perfekte Begründung gemeint sein. Es geht um eine„ausreichende“ oder„bestmögliche“ Begründung. ImGrunde ist die Frage danach, wann die präklinische Laborforschung ausreichend für die Begründung klinischer Testungen ist, der Dreh- und Angelpunkt translationaler For- schung. Diese Klärungsprozesse sind eine Wissenschaft an sich; eine extrem komplexe, aber dadurch auch extrem spannende, faszi- nierende Aufgabe. Die Klärung muss unwei- gerlich stark auf den Einzelfall bezogen sein [1]. Man muss sich mit den Spezifika der che- mischenVerbindung auskennen, den relevan- ten Targets und Biomarkern, den Tiermodel- len, der Pharmakokinetik, Toxikologie, Phar- makodynamik und vielemmehr. Aber die Fra- ge, ob und wann genau die Laborforschung ausreichend ist, kannmanmit diesembiologi- schen Spezialwissen allein nicht beantworten. Es geht ergänzend um die Frage, ob und wann genau der aus der Laborforschung zur Verfügung stehende Body of Evidence eine ausreichend gute Prädiktion erlaubt für die Wirksamkeit und Sicherheit in der Anwen- dung beim Menschen. Diese Prädiktion auf der Basis präklinischer Forschung ist niemals perfekt – sonst benötigt man keine klinische Forschung mehr. Sie ist sogar meist stark ein- geschränkt, weilTiermodelle nur begrenzt prä- diktiv sind. Aber Prädiktion muss in irgendei- ner Formmöglich sein – sonst benötigt man keine präklinische Forschung mehr, weder in vitro , noch in silico oder in vivo . Die an translationaler Forschung betei- ligten Akteure (unter anderem Studienärzte, Sponsoren und Behörden) müssen beurteilen (können), ob die Laborforschung A) die wich- tigen Fragen in einembestimmten therapeuti- schen Bereich adressiert hat und B) wie gut die Prädiktion durch diesen Body of Evidence ist. Auf dieser Basis wird dann eine Nutzen-Scha- den-Bewertung durchgeführt, bevor es in die erste Testung am Menschen geht. Nun wäre zu erwarten, dass es trotz aller Spezifika für einzelne therapeutische Gebie- te doch einige, über die Jahrzehnte erarbei- tete, allgemeine Standards gäbe zu der Fra- ge, wie man das Ausreichende der Präklinik begründet. An welchen Orientierungspunk- ten sollen die Forschenden, Sponsoren und Behörden diese Entscheidung festmachen? Wie sehen Fallbeispiele aus, die als Vorbilder verwendet werden können? Standardlehrbücher zur Entdeckung und Entwicklung von Arzneimitteln helfen bei der Beantwortung dieser Kernfrage nicht. Es gibt viele Kapitel, die beschreiben, wieman Labor- forschung durchführt. Und es gibt viele Kapi- tel dazu, wie man klinische Forschung durch- führt. Aber es gibt keine Kapitel, die beschrei- ben, wieman trotz aller Komplexität bestmög- lich und für andere nachvollziehbar entschei- det, wann ein präklinischer Body of Evidence ausreichend oder gut genug ist, umden Schritt in die klinische Forschung zu wagen. Ein typi- sches„Black Box“- Phänomen? Auch andereQuellen helfen hier nicht wei- ter. Die Deklaration von Helsinki [2], das Arz- Als Professor für Medizinethik durfte Daniel Strech mit seinen Kollegen kürzlich einen Blick in die Antragsdokumente für frühe klinische Forschung werfen – und stellte dabei Erstaunliches fest: Sicherheit und Wirksamkeit scheinen niemanden zu kümmern. Präklinische Wirksamkeit? Wen schert’s! VON DANIEL STRECH, BERLIN

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