Laborjournal 2018-09

| 9/2018 14 HINTERGRUND Laborjournal: Am 25. Juli dieses Jahres kam der Europäische Gerichtshof (EuGH) zu einem Urteil bezüglich genetisch verän- derter Organismen (GVO). Herr Hochhol- dinger, was besagt das Urteil? FrankHochholdinger » Das Urteil besagt, dass durchMutagenese gewonnene Organis- menGVOs imSinne der EU-Freisetzungsrichtli- nie von 2001 sind. Sie unterliegen einer Kenn- zeichnungspflicht und benötigen außerdem eine EU-Zulassung, die unter anderem auf- wendige Sicherheitsprüfungen voraussetzt. Identische Produkte, die durch herkömmli- che Mutageneseverfahren erzeugt wurden, sind von dieser Regelung ausgenommen, weil sie laut EuGH „seit langem als sicher gelten“. Das Besondere an dieser Richtlinie ist, dass in der EU prozessorientiert bewertet wird. Das heißt, wenn imProzess gentechnischeMetho- den zum Einsatz kommen, gilt das Produkt als gentechnisch verändert. Ist das überall so? Hochholdinger » Nein. InNordamerika ist es umgekehrt. Dort wird produktorientiert be- urteilt. Das bedeutet, wenn sich das mit gen- technischen Methoden hergestellte Produkt von konventionell erzeugten Sorten unter- scheidet, dann ist es Gentechnik.Wenn es sich nicht unterscheiden lässt, dann eben nicht. Als die EU-Richtlinie 2001 verabschiedet wurde, war nicht absehbar, dass es in ein paar Jahren Produkte geben wird, die zwar durch gentechnische Verfahren hergestellt werden, sich von konventionellen Produkten aber nicht mehr unterscheiden lassen. Wie kam es zum Urteil? Hochholdinger » Ein französischer Land- wirtschaftsverbandhattemit acht anderenVer- bänden beim obersten französischen Gericht Klage gegen die französische Regelung einge- reicht, die vorsah, dassmoderne genomeditier- te Pflanzen nicht als GVOs klassifiziert werden sollen. In der Klage der Verbände ging es um einen speziellen Fall von durch Genomeditie- rung erzeugten, Herbizid-toleranten Raps-Sor- ten. Das oberste französische Gericht wandte sich dann wegen der generellen Bedeutung des Falles an den Europäischen Gerichtshof. Dabei kamdas Urteil zustande, an das nun die nationalen Gerichte gebunden sind, die im Einzelfall entscheiden müssen. Was kritisieren Sie an dem Urteil? Hochholdinger » Hauptsächlich drei Punkte in der Begründung des Urteils. Ers- tens, die Feststellung, dass durch Mutagene- se gewonnene Organismen GVOs im Sinne der GVO-Richtlinie sind, da laut Urteil eine auf natürlicheWeise nicht möglicheVeränderung am genetischen Material eines Organismus vorgenommen wird. Sachlich ist das einfach nicht richtig. Die neuenVerfahrenwie CRISPR/ Cas9 setzen gezielt Mutationen, die sich eben nicht von natürlichen unterscheiden lassen. Zweitens: Die Begründung, dass klassi- sche Mutageneseverfahren aus der EU-Richt- linie ausgenommen sind, weil sie„seit langem als sicher gelten“. Wie wird„seit langem“ defi- niert? Durch Mutationszüchtung wurden seit 1936 mit Chemikalien oder Strahlung welt- weit etwa 3.300 Pflanzenvarietäten erzeugt und zugelassen. Zum Beispiel alle Gersten- sorten für die Bierherstellung, Hartweizen für Pasta oder Grapefruits mit rotem Frucht- fleisch. Bei den klassischen transgenen Sor- ten, die seit 1996 auf demMarkt sind, gab es bei millionenfacher Anwendung keine Schä- den für Mensch und Umwelt. Ab wann ist et- was sicher? Das ist eine vollkommen unkla- re Formulierung. Illustr.: Juliet Merz IM INTERVIEW: FRANK HOCHHOLDINGER, BONN Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs bezüglich genetisch veränderter Organismen hat große mediale Wellen geschlagen. Ein erstes Fazit: Das Urteil setzt ein völlig falsches Zeichen. Pflanzengenetiker Frank Hochholdinger spricht im Interview über fassungslose Wissenschaftler, nicht nachvollziehbare Begründungen des Gerichts und die schwerwiegenden Folgen des Urteils. „Das entbehrt jeglicher Logik!“

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