Laborjournal 2018-09

| 9/2018 22 Serie Im (Paper-)Wald, da sind die Räuber Einsichten eines Wissenschaftsnarren (13) Ende Juli war es wieder soweit: Ein Wissen- schaftsskandal erschütterte die Republik. Re- cherchen von NDR , WDR und Süddeutscher Zei- tung ergaben, dass deutscheWissenschaftler in einen„weltweiten Skandal“ verwickelt sei- en. Mehr als 5.000 Forscherinnen und Forscher deutscher Hochschulen, Institute und Bundes- behörden haben mit öffentlichen Geldern fi- nanzierte Forschungsbeiträge in Online-Zeit- schriften scheinwissenschaftlicher Verlage ver- öffentlicht, die grundlegende Regeln der wis- senschaftlichen Qualitätssicherung nicht be- achten. Die Öffentlichkeit, und nicht wenige Wissenschaftler, erfuhren so zum ersten Mal, dass es „Raubverlage“ und „Predatory Jour- nals“ gibt. An der ganzen Sache ist einiges bemer- kenswert, vieles davon stand allerdings nicht in den Zeitungen. Raubverlage, die in ihren Phishing -Mails recht seriös auftreten, bieten Wissenschaft- lern die Open-Access- (OA)-Veröffentlichung ih- rer wissenschaftlichen Studien gegen Bezah- lung – wobei sie suggerieren, dass ein „Peer Review“ stattfindet. Dieser findet aber nicht statt. Die Artikel erscheinen unbegutachtet auf denWebseiten dieser„Verlage“ – und sind entsprechend auch nicht in den gängigen Li- teratur-Datenbanken wie PubMed gelistet. JederWissenschaftler in Deutschland fin- det mehrere solcher Einladungen pro Tag in seinem E-Mail-Postfach. Sollten Sie einer sein und keine bekommen, sollten Sie sich jetzt Sorgen machen. Nun könnte man meinen, mit Raubver- lagen seien Elsevier und Konsorten gemeint. Diese realisieren Umsatzrenditen von über dreißig Prozent, indem sie uns die Früchte unserer eigenen Arbeit verkaufen. Nachdem wir noch darum gezittert haben, dass sie die- ses „Geschenk“ überhaupt annehmen – also den Artikel akzeptieren! Steuerzahler, die all dies finanziert haben, wie auch andere Un- glückliche, die nicht über einen teuren insti- tutionellen Bibliothekszugang verfügen, kom- men nur mit ihrer Kreditkarte an die Früchte unserer Erkenntnis (siehe„Wissenschaftsnarr“ in LJ 5/2017: 22-23). Aber halt, nicht so schnell! Elsevier ist doch kein Raubverlag, oder? Dort gibt es schließ- lich (jedenfalls zumeist) einen ordentlichen Review-Prozess. Hier beginnt es jetzt, interessant – ja, kom- pliziert zu werden. Auch ich bin der Überzeu- gung, dass ein guter Review-Prozess wissen- schaftliche Studien verbessern kann. Häufig ist dies jedoch gar nicht der Fall – er frisst massiv Ressourcen, doch es gibt keine wissenschaft- liche Evidenz dafür, dass er„funktioniert“. Der Review-Prozess ist langsam, teuer, erratisch – und schlecht im Detektieren von Fehlern. Er wird häufig missbraucht und seine Resultate sind potentiell anti-innovativ. Wir alle kennen das Problem. Artikel wer- den oft schon mit Blick auf potentielle Revie- wer geschrieben, häufigwird indenRevisionen nichts anderes erreicht, als einen bestimmten Gutachter ruhig zu stellen. Statt sich auf die Su- che nach neuer Erkenntnis zumachen, verbrin- genArbeitsgruppen viel Zeit damit, genau die- jenigen Ergebnisse zu liefern, die die Gutach- ter noch gerne sehen würden. Sicherlich wird auch manche unrettbar schlechte Arbeit aus dem Verkehr gezogen. Aber nur vorüberge- hend, denn sie wird – nach einer Kaskade von Einreichungen in Journalen mit abnehmen- dem Impact -Faktor – letztlich irgendwo anders publiziert werden. Wenn es sein muss, eben in einem räuberischen Journal! Damit der Re- view-Prozess letztlich fair und produktiv wird, braucht es schon einigen Aufwand und inno- vative Ansätze – wie beispielsweise bei den OA-Journalen von EMBO oder F1000Research . Wieso publizieren also gestandene Wis- senschaftler in Journalen, deren Namen sie vorher noch nie gehört haben? Häufig, weil sie nach einer Reihe von absolut frustrieren- den und erfolglosen Einreichungen dieNerven verloren haben. Die Arbeit war vielleicht so- gar richtig gut – aber zuwenig spektakulär, ein Raubverlage sind nicht wirklich un- ser Problem. Diese nutzen nur un- sere Systemfehler. Und der größte ist die Art unseres Belohnungs- und Karrieresystems. »Die Opfer der Raubverlage sind gleichzeitig auch Täter.« Ulrich Dirnagl leitet die Experimentelle Neuro- logie an der Berliner Charité und ist Gründungsdirektor des QUEST Center for Transforming Biome- dical Research am Berlin Institute of Health. Für seine Kolumne schlüpft er in die Rolle eines „Wis- senschaftsnarren“ – um mit Lust und Laune dem Forschungsbe- trieb so manche Nase zu drehen. Foto: BIH/Thomas Rafalzyk

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