Laborjournal 2018-10

| 10/2018 14 Hintergrund Die Medizinethikerin Sabine Müller übt scharfe Kritik am Wildwuchs in der psychiatrischen Neurochirurgie. Sie wünscht sich, dass Ethikkommissionen kritischer prüfen, wenn Mediziner neue Anwendungsfelder für die Tiefe Hirnstimulation gleich im Menschen testen wollen. Denn Hypothesen zur Wirksamkeit und neue Targets für die Elektroden sollten zuerst präklinisch in Tierversuchen überprüft werden.. Erst im Tier probieren, dann imMenschen! Illustr.: Aktion Meditech Das Implantieren von Hirn-Elektroden hilft Parkinson-Kranken heute vielfach, die Be- wegungsfähigkeit wiederzuerlangen, die sie durch die neurodegenerative Krankheit ver- loren haben. Inspiriert von diesem Erfolg bei Morbus Parkinson versuchen Ärzte und For- scher weltweit die Tiefe Hirnstimulation (THS) auch auf andere Indikationen zu übertragen. So avancierte die Methode in den letzten Jah- ren zumHoffnungsträger für dieTherapie vie- ler weiterer neurologischer undpsychiatrischer Erkrankungen. Die Medizinethikerin Sabine Müller von der Charité – Universitätsmedizin Berlin hält die Hoffnung auf neueTherapiemöglichkeiten in vielen Fällen für berechtigt. Doch in man- chen Forschungszweigen habe sich Überop- timismus und medizinisches Abenteurertum entwickelt. Nicht immer gingen Ärzte beim Testen neuer Anwendungen in der richtigen Reihenfolge und mit genügend Abwägung von Risiko und Nutzen vor, warnt sie daher. Studien nicht gerechtfertigt Besonders in einer Analyse der THS-Erpro- bung bei Alzheimer stellten sie und ihr Dok- torand Merlin Bittlinger jüngst besorgniserre- gende Fehlentwicklungen fest ( BMC Medical Ethics 19: 41). In der systematischen Auswer- tung der gesamten Literatur stellte sich her- aus, dass die Studien mit den Alzheimer-Pa- tienten vor allem durch Einzelfall-Beobach- tungen bei anderen Indikationen gerechtfer- tigt wurden. Bei Eingriffenmit diesemRisikoprofil aber sollten neue Ideen nach Ansicht der beiden Medizinethiker nicht explorativ direkt an Pa- tienten getestet werden. Hier gelte es, krank- heitsspezifische Hypothesen erst in tierexpe- rimenteller Forschung zu testen. Auch seien die klinischen THS-Studien zu Alzheimer zu klein sowie ohne Kontrollgruppen und Ver- blindungdurchgeführt worden, kritisieren Bitt- linger und Müller. Um aussagekräftige Infor- Tiefe Hirnstimulation in der Kritik

RkJQdWJsaXNoZXIy Nzk1Nzg=