Laborjournal 2018-10

| 10/2018 28 Serie Dein Labor ist näher am Krankenbett, als du denkst Einsichten eines Wissenschaftsnarren (14) 2009 schaffte es der bis dahin unbekannte israelische Radiologe Yehonatan Turner, dass die New York Times einen halbseitigen Artikel über ihn und seine Studie veröffentlichte. Er hatte Radiologen computertomographische Aufnahmen zur Befundung vorgelegt – und dazu jeweils ein aktuelles Portraitfoto des zu- gehörigen Patienten. Dabei nutzte er ein Cross­ over -Studiendesign: Einer Gruppe von Radio- logen zeigte er zunächst das CT-Bild und das Portraitfoto – drei Monate später präsentier- te er ihnen dann dasselbe CT-Bild, aber oh- ne Portrait; anderen Radiologen legte er erst einmal nur das CT-Bild vor, und nach drei Mo- naten wieder dieselben CTs mit zugehörigen Portraits. Eine weitere Kontrollgruppe befun- dete wie in der Radiologie üblich nur die rei- nen CTs. Turners Überlegung dabei: Weil der befundende Arzt dem Patienten quasi in die Augen blickt, und nicht nur auf eine anatomi- sche Schichtaufnahme, würde er sich seiner Verantwortung bewusster – und damit seine Befundung amEnde gründlicher sowie die Di- agnose akkurater. So war es dann auch: Die Radiologen be- richteten, durch das Foto stärkere Empathie für die Patienten zu empfinden und sichmehr wie„Ärzte zu fühlen“. Und tatsächlich fanden sie statistisch signifikant mehr Auffälligkeiten und pathologische Befunde, wenn sie CT und Patienten-Foto vor Augen hatten, als mit CT alleine. Wie wäre es nun, wenn man biomedizi- nischen Grundlagenforschern Fotos von Pati- entenmit derjenigen Erkrankung zeigen wür- de, die sie im Labor beforschen? Ein Fotoauf- steller neben dem Computer, dem PCR-Cyc- ler, oder demMikroskop? Mit einer Schlagan- fallpatientin für den Schlaganfallforscher, oder einem Diabetiker für die Diabetesforscherin. Ein bisschen wie die Schockbilder auf den Zi- garettenschachteln, nur größer. Schließlich gibt es ja kaum einen wissen- schaftlichen Artikel, die hartgesottensten Grundlagenforscher mit eingeschlossen, der nicht mit Sätzen beginnt wie:„Krankheit X ist die häufigste Ursache für Y…“, oder„Weltweit erkrankenXMenschen an…“ – unddieDiskus- sion endet dann„…Unsere Ergebnisse könn- ten die Grundlage bilden für eine effektivere Behandlung von …“, oder ähnlich. Ernsthaft: Der Hinweis auf dieWichtigkeit der eigenen Forschung für bestimmte Erkran- kungen ist in der biomedizinischen Forschung allgegenwärtig. Glaubt man den Publikatio- nen und Anträgen auf Fördermittel, ist dies eine der, wenn nicht die Haupttriebfeder für die eigene Arbeit. Und das, obwohl nur we- nige Forscher direkten Kontakt zu tatsächlich Erkrankten haben – es sei denn zufällig imBe- kannten- oder Verwandtenkreis. (Ausnahmen bilden natürlich die Ärzte in Unikliniken, die häufig erst nach Feierabend von der Station ins Labor wechseln. Wo den einen aber möglicherweise der Patientenkon- takt fehlt, haben die letzteren häufiger Defizite in der wissenschaftlichen Methodik.) Wie auch immer – könnte es denn tat- sächlich sein, dass die biomedizinische Wis- senschaft gründlicher und robuster würde, wenn dem Forscher klarer wäre, dass die ei- gene Forschung direkte Konsequenzen für Pa- tienten haben kann? Wenn es also nicht nur um die nächste tolle Publikation – also ein paar Zeilen im Lebenslauf – ginge, bei der es letztlich nicht so genau darauf ankommt, wie belastbar die Methodik, Resultate und Inter- pretation sind? Dass es vielmehr nämlich auch um den Nutzen für den Menschen oder we- nigstens die Abwendung von Schaden geht? Selbst wenn dieser Effekt erst weit hinten in einer Kette verschiedener Untersuchungen und klinischer Studien eintritt? Nehmen wir etwa den tollen Befund in ei- nem Mausmodell, den die Autoren sogleich als potenziell wichtigen neuen Mechanismus bei einer Erkrankung wie Krebs etikettieren. Seid ihr Forscher euch eigentlich be- wusst, dass euer Handeln Konse- quenzen für Patienten hat? Ja, auch wenn ihr in der Grundlagen- oder präklinischen Forschung arbeitet. »Könnte Forschung mit diesem Bewusstsein robuster werden?« Ulrich Dirnagl leitet die Experimentelle Neuro- logie an der Berliner Charité und ist Gründungsdirektor des QUEST Center for Transforming Biome- dical Research am Berlin Institute of Health. Für seine Kolumne schlüpft er in die Rolle eines „Wis- senschaftsnarren“ – um mit Lust und Laune dem Forschungsbe- trieb so manche Nase zu drehen. Foto: BIH/Thomas Rafalzyk

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