Laborjournal 2018-11

| 11/2018 18 HINTERGRUND Cochrane gilt als Markenname für neutrale und fundierte Bewertungen klinischer Studien. Doch der gute Ruf hat einen Knacks bekommen: Im Spätsommer wurde Peter Gøtzsche, ein unbequemes Mitglied des Leitungsgremiums der Organisation, hochkant rausgeworfen. Die Entscheidung führte zum Rücktritt von vier Board Members und offenbart einen Richtungsstreit. Cochrane in der Krise Mitte September trat Gerald Gartlehner, Epi- demiologe an der Donau-Universität Krems und Direktor von Cochrane Österreich, aus dem Leitungsgremium der internationalen Cochrane -Organisation zurück. Mit ihm war- fen auch drei andereMitglieder das Handtuch beim „Cochrane Board“ : David Hammerstein, Jörg Mehrpohl und Nancy Stantesso. Anlass für den Eklat war eine Personal- entscheidung des Gremiums: Der Däne Peter Gøtzsche, eines der Gründungsmitglieder der Organisation, wurde vonder CochraneCollabo- ration ausgeschlossen. Die Entscheidung ge- gen Gøtzsche fiel knapp aus – sechs zu fünf, bei einer Enthaltung. Der rüde Rauswurf samt dem Protest der bei der Abstimmung unter- legenen BoardMembers hat weltweit Schock- wellen in der Cochrane -Community ausgelöst – und eine Diskussion über den zukünftigen Kurs der Organisation entfacht. Weltweit vernetzt Seit seiner Gründung im Jahr 1993 steht Cochrane für den Anspruch, publizierte klini- sche Studien unabhängig auszuwerten, um aus der Zusammenschau aller Daten solide Aussagen über dieWirksamkeit von Medika- menten oder medizinischenMaßnahmenma- chen zu können. In den seither 25 Jahren ist aus einer Graswurzelbewegung eine weltweit vernetzte Community geworden. Eiserne Prinzipien Die „Cochrane Reviews“ wurden zumMaß- stab für saubere Evidenzbewertung. Transpa- rent und ohne Einfluss von außen die in der Literatur vorhandenen Daten zu bewerten – das klingt nach einer simplen Idee. Aber in der Praxis ist es gar nicht so leicht.Welche Studien sind hochwertig und wirklich verlässlich?Wie erkennt man„Bias“ in der Literatur, etwa Ver- zerrungen durch selektive Publikationspraxis? Mit welchenMethoden kommt man – von der Literatursuche bis zur statistischen Auswer- tung – zu einer nachvollziehbaren, korrekten Bewertung der Studienlage? Cochrane setzt hier seit 25 JahrenMaßstäbe für „Best Practice“ . Wenn es umdie Cochrane -Prinzipien – um Transparenz und Unbeeinflussbarkeit – geht, ist Peter Gøtzsche kompromisslos und mei- nungsstark. So sehr, dass er damit aneckt. Ent- laden hat sich der schwelende Konflikt nun in der jüngsten Sitzung des Cochrane Boards , die mit dem Rauswurf des unbequemen Mit- glieds endete. In der Entscheidung des Lei- tungsgremiums wird dann auch das angeb- lich„schlechte Benehmen“ des dänischen For- schers explizit erwähnt. Dabei hatte Gøtzsche und sein Nordic Cochrane Centre in Kopenhagen entschei- dend zum guten Ruf des ganzen Unterfan- gens Cochrane Collaboration beigetragen.Was ist also passiert? Gerd Antes, Leiter des deut- schen Cochrane -Zentrums, entwirrt das Knäuel aus Konfliktstoff in einemausführlichen State- ment ( https://goo.gl/TV1PDk ) . Knackpunkt Papilloma-Impfung Ein konkreter Anlass war eine abweichen- de Meinung Gøtzsches und zweier Mitauto- ren über ein Cochrane -Review zurWirksamkeit der Papillomavirus-(HPV)-Impfung. Gøtzsche ist unter anderem der Ansicht, dass beim Zu- standekommen dieses Reviews zu sehr auf Belange der Pharmaindustrie Rücksicht ge- nommen wurde ( BMJ Evidence-BasedMedici-

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