Laborjournal 2018-11

| 11/2018 52 Wirtschaft T-Zell-basierte Krebstherapien bringen gerade neue Hoffnung für „chemisch austherapierte“ Patienten. Das enorme Potential optimierter T-Zell-Rezeptoren erklärt uns die Geschäftsführerin des Martinsrieder Biotech-Unternehmens Medigene, Dolores Schendel. Scharfgemacht und losgeschickt Das Immunsystem ist schon eine geniale Ein- richtung, entstanden in Jahrmillionen frucht- barer Ko-Evolution von Pathogen und Wirt. Und nicht nur Menschen und andereWirbel- tiere profitieren von adaptiver Immunabwehr. Schließlich ist das momentan wohl bekann- teste Bollwerk gegen Viren das vielen Bakte- rien und Archäen eigene CRISPR-Cas-System, welches als molekulare Genschere gerade die genetische und biotechnologische Forschung revolutioniert. In Homo sapiens und Co. hingegen sor- gen unter anderem B- und T-Lymphozyten für die Abwehr fieser Bazillen und Viren. Da- für halten sie ständig Ausschau nach körper- fremden Strukturen (Antigenen), beispielswei- se auf der Oberfläche von antigenpräsentie- renden oder virenverseuchten Zellen. Imkom- plexen Zusammenspiel von angeborener und erworbener Immunität wird anschließend al- les plattgemacht, was nicht in den Körper ge- hört. Und nach überstandener Infektion pa- trouillieren spezifische Antikörper und diverse differenzierte Lymphozyten als immunologi- sches Gedächtnis durch den Organismus, um imFall einer Re-Invasion schnell und zielsicher reagieren zu können. T-Zellen entstehen im Knochenmark und erhalten später imThymus durch spezifische Major Histocompatibility Complex ( MHC )-Re­ zeptoren (T-Zell-Rezeptor, TCR) ihre immuno- logische Kennung. DennT-Zellen erkennen im Gegensatz zu B-Zellen potenziell verdächti- ge Antigene nicht direkt, sondern nur, wenn diese in kleine Häppchen zerhackt gemein- sam mit MHC-Molekülen auf der Oberfläche von Antigen-präsentierenden Zellen zur Ver- fügung gestellt werden. All jene T-Zellen, die auf körpereigene Proteine reagieren, werden aussortiert, bevor die auf körperfremde Anti- gene eingestellten naivenT-Zellen ihre Arbeit aufnehmen.Was passiert, wenn dieser Sortier- prozess misslingt, führen Autoimmunkrank- heiten oder Allergien vor Augen. Schwachstelle T-Zellreifung Dieses an sich gut durchdachte Systemder T-Zell-Reifung ist jedoch auch eine Schwach- stelle. Denn körpereigene Zellen, die aus dem Ruder laufen, werden unter Umständen vom Immunsystemnicht als gefährlich erkannt und dementsprechend nicht eliminiert. Krebszel- len können sich so ungehindert ausbreiten. Zu allemÜberfluss sind Tumorzellen in der Lage, tumorspezifische Immunzellen zu inhibieren. Monoklonale Antikörper, die diese Immunsup- pression aufheben, sogenannte Checkpoint- Inhibitoren, finden bereits in der systemischen immunonkologischen Therapie Anwendung – beispielsweise bei Melanomen und diver- sen Karzinomen. Problematisch wird es außerdem, wenn wie bei Leukämien die Anzahl funktioneller Leukozyten imBlut durch die übermäßige Pro- duktion funktionsunfähiger blutbildenderVor- läuferzellen dramatisch reduziert ist, wie bei der akutenmyeloischen Leukämie (AML) oder dem myelodysplastischen Syndrom (MDS). Therapeutischer Goldstandard ist die Be- handlung der Patienten mit Zytostatika (Che- motherapie) oder Knochenmark- beziehungs- weise Stammzelltransplantation. Beide The- rapieansätze richten sich gegen die Krebs- zellen direkt und sind oft mit schwerwiegen- T-Zell-basierte Krebstherapien Worum es geht Illustr.: Fotolia / royaltystockphoto

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