Laborjournal 2018-12

| 12/2018 12 Hintergrund Coc treit. Coise Immer dasselbe! Es ist mindestens ernüch- ternd, oft sogar anstrengend, ermüdend oder einfach ärgerlich, einige Debatten über wis- senschaftlicheThemen in der Öffentlichkeit zu verfolgen. Gerade bei der Grünen Gentechnik gehen die Wahrnehmungen in Wissenschaft und Öffentlichkeit besonders weit auseinan- der. Nach Jahren, ja fast Jahrzehnten der er- bitterten Auseinandersetzung sind die Fron- ten verhärtet und bewegen sich nicht mehr. Umweltorganisationen haben gemeinsammit politischen Parteien Stimmung gegen alles gemacht, worauf Grüne Gentechnik stand. Im Resultat spielt der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen in der EU praktisch kei- ne Rolle (vom gv-Mais-Anbau in Spanien ab- gesehen). Neue Entwicklungen für den euro- päischen Markt gibt es laut eigenen Angaben der Firmen nicht mehr. Die Polarisierung könnte nicht größer sein. Auf der einen Seite wird gewarnt vor unkon- trollierbaren Risiken für Umwelt und Konsum, vor der Nicht-Rückholbarkeit der Pflanzen, vor Patenten, vor der Marktmacht weniger Kon- zerne. Auf der anderen Seite werden die Sor- gen relativiert sowie die Möglichkeiten be- tont, die die Grüne Gentechnik für den Fort- schritt in der Landwirtschaft bietet – und dass sie die Welt womöglich vom Hunger befrei- en wird. Dazwischen steht eine Öffentlichkeit, die bei Befragungen zumThema immer wie- der mehrheitlichmit„Lieber nicht!“ antwortet – wodurch sich die Gentechnik-Gegner wie- derum bestätigt fühlen („80 Prozent sind ge- gen Gentechnik“). In Deutschland gibt es seit 2012 nicht einmal mehr Freisetzungsversuche mit gen- technisch veränderten Pflanzen. Folgerichtig wurde ohne jegliche Anwendungsperspekti- ve auch die Forschung an gentechnisch ver- änderten Pflanzen für die Landwirtschaft wei- testgehend eingestellt. So ist die Situation, und eigentlich ist seit einigen Jahren Ruhe. Die großen Kämpfe sind ausgetragen, in der breiten Öffentlichkeit spielt das Thema keine Rolle. Auch für die über sechzig transgenen Pflanzen, die für den Im- port als Nahrungs- und Futtermittel in der EU zugelassen sind, interessieren sich nur wenige. Stillstand also? Mitnichten! In letzter Zeit kam wieder ordentlich Be- wegung in die Sache. Das sogenannte Geno- me Editing erreichte die Labore – und zuneh- mend auch die Öffentlichkeit. Insbesondere die populärste Methode unter dem griffigen Akronym„CRISPR/Cas“ bringt neuen Schwung in die festgefahrene Debatte. Als der Europä- ische Gerichtshof (EuGH) im Juli urteilte, dass Pflanzen, die mit den neuen Techniken des Genome Editing gezüchtet wurden, nach dem strengen EU-Gentechnikrecht zu regulieren sind, schaffte es dieses Thema sogar mal wie- der bis in die Tagesschau. In der Naturbewusstseinsstudie 2017 zeigten sich die Unter-Dreißigjährigen be- reits deutlich offener gegenüber Gentech- nik als ältere Generationen [1]: Nur 35 Pro- zent der Befragten bis 29 Jahre halten einVer- bot von gentechnisch veränderten Organis- men in der Landwirtschaft für sehr wichtig. Bei den Über-65-Jährigen waren es 51 Pro- zent. Ein weiterer Impuls kam in diesem Jahr aus einer sehr unerwarteten Richtung. Für ihr neues Parteiprogrammwollen Bündnis90/Die Grünen nochmals neu über Gentechnik und Genome Editing diskutieren. Einige Enthusias- ten, darunter der Autor dieser Zeilen, wittern schon die„Gentechnikwende“. Doch wie viel bewegt sich tatsächlich? Wiederholt sich nur die Debatte, oder ist tat- sächlich etwas anders? Wider die Sprachlosigkeit – Erfahrungen mit der Gentechnikwende WiSSenSCHAFt und POPuLiSMuS Angesichts der neuen Techniken des Genome Editing muss die Wissenschaft sich der Debatte mit den Gegnern der sogenannten „Grünen Gentechnik“ neu stellen. Trotz der alten, tiefen Gräben kann es gelingen. Vereinzelt tut es das schon. VON ROBERT HOFFIE, GATERSLEBEN »Wiederholt sich die alte Debatte? Oder ist etwas anders?«

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