Laborjournal 2018-12

| 12/2018 20 Serie In einer Bahnhofsbuchhandlung stand ich kürzlich staunend vor einemhoch spezialisier- tenThementisch: Es war der„Darm-Hirn“-Tisch. Die sich darauf stapelnden Bücher verspra- chen Aufklärung darüber, wie der Darm und insbesondere sein Inhalt uns beeinflussen – ja sogar emotional fernsteuern. Hier eine Aus- wahl der Titel:„Scheißschlau –Wie eine gesun- de Darmflora unser Hirn fit hält“, „Darm heilt Hirn heilt Körper“, „Glück beginnt im Darm“, oder „Das zweite Gehirn – Wie der Darm un- sere Stimmung, unsere Entscheidungen und unser Wohlbefinden beeinflusst“. Auch Zei- tungen, Magazine und das Internet verkün- den schon länger solche Botschaften: Die fal- schen Darmbakterien machen uns depressiv, die richtigen glücklich, Joghurt hilft deshalb gegen Depressionen,... Woher kommt diese plötzliche Begeiste- rung für die richtige Darmflora? Hoffähig ge- macht hat den Darm samt seinem Inhalt so- wie selbst Gespräche amEsstisch darüber ganz sicher auch Giulia Enders. Als Medizinstuden- tin legte sie 2014 mit „Darm mit Charme“ ei- nen Millionenbestseller auf, der mittlerweile in viele Sprachen übersetzt wurde. Allerdings kam dieser nicht aus dem Nichts, denn letzt- lich lieferte dieWissenschaft das Fundament für die Mikrobiom-Manie – und bedient die- se auch heute noch mit anhaltend„spektaku- lären“ Erkenntnissen. Praktischerweise sind diese durchweg be- stens geeignet, die Aufmerksamkeit eines brei- ten Publikums zu erheischen. Studien etwa, in denen gezeigt wird, dassman aus denWindeln eines Einjährigen seine kognitive Entwicklung vorhersagen kann. Oder ängstlicheMäuse, die nach Transplantation der Fäkalien von drauf- gängerischen Artgenossen plötzlichwagemu- tig werden. Oder ein Mausmodell, in dem die Tiere nur dann Symptome entwickeln, wenn sie Stuhl von Parkinson-Patienten erhalten. Oder autistische Kinder, die durch Präbioti- ka-Therapie wieder sozial werden. Und sowei- ter und so weiter... Erinnert uns das nicht alles irgendwie an den Stammzell-Hype? Doch eigentlich ist dasmit demDarm ja al- les ein alter Hut. Schon Hippokrates wusste et- wa:„Alle Krankheiten beginnen imDarm.“ Und der Militärarzt Alfred Nißle kultivierte 1917 ei- nen ganz besonderen Bakterienstamm, den er ganz unbescheiden nach sich selbst benann- te: E. coli Nissle . Er fand ihn im Stuhl eines Sol- daten, der gegen die brutalen Bedingungen in den Schützengräben des erstenWeltkriegs besonders resistent war. Jahre später war Adolf Hitler davon so beeindruckt, dass er sich selbst und seinem Schäferhund Blondi täglich zwei Kapseln E. coli Nissle verordnete. Die Bakterien aus dem Stuhl des unbe- kannten Soldaten kann übrigens auch heute noch jeder schlucken, der es unbedingt möch- te: Sie werden als Probiotikum in jeder Apo- theke unter dem Namen Mutaflor verkauft. Der Soldat wird allerdings nicht auf dem Bei- packzettel erwähnt. Wie auch immer, natürlich können weder Hippokrates noch Nißle den kometenhaften aktuellen Aufstieg des Mikrobioms erklären. Dieser gründet vielmehr vornehmlich in den Fortschritten der DNA-Sequenzierung. Diese nämlich haben es ermöglicht, Bakterien in ra- santem Hochdurchsatz genetisch zu typisie- ren – und zwar, ohne sie vorher kultiviert zu haben. Nehmen wir nur etwa die Anaerobi- er: Denenmacht der Sauerstoff schon bei Ent- nahme und Probenverarbeitung den Garaus – weshalb sie„auf Platte“ nicht detektiert wer- den. Erst die Sequenzierung solcher und ande- rer Bakteriengenome förderte daher die große Vielfalt des Mikrobioms in Mensch und Maus zu Tage. Der Rest ist Geschichte. Mittlerweile spuckt PubMed pro Tag drei- ßig neueMikrobiom-Artikel aus. Kein Fach, das nicht von der Mikrobiom-Manie erfasst wurde. Die Neurologie und Psychiatrie bilden da nur die Spitze des Eisbergs – Kardiologie, Endo- krinologie und Nephrologie sind dicht dran. Kein Wunder, ist aus den DFG-Fachkollegien zu hören, dass mittlerweile ein substanziel- ler Anteil der Anträge einen„Mikrobiom-Teil“ enthält. Und diese seien in der Regel vonWis- senschaftlern geschrieben, die weder Erfah- rung in Mikrobiologie oder mit Prokaryoten, Mikrobiom-Manie mit melancholischen Mikroben Einsichten eines Wissenschaftsnarren (16) Ulrich Dirnagl leitet die Experimentelle Neuro- logie an der Berliner Charité und ist Gründungsdirektor des QUEST Center for Transforming Biome- dical Research am Berlin Institute of Health. Für seine Kolumne schlüpft er in die Rolle eines „Wis- senschaftsnarren“ – um mit Lust und Laune dem Forschungsbe- trieb so manche Nase zu drehen. Foto: BIH/Thomas Rafalzyk »Kein Fach, das nicht von der Mikrobiom-Manie erfasst wurde.« Muss Forschung eigentlich immer durch überflüssige Zyklen aus über- triebenen Erwartungen und nachfol- gender Enttäuschung gehen?

RkJQdWJsaXNoZXIy Nzk1Nzg=