Laborjournal 2019-01

| 1-2/2019 22 Serie Unter demTitel „Growth in a Time of Debt“ er- schien 2010 ein Artikel der hoch angesehe- nenHarvard-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff über den Zusammenhang von nationalemWirtschaftswachstumund Staats- verschuldung. Darin berichteten sie von der Entdeckung eines erstaunlichen, weltweit zu beobachtenden Zusammenhangs: Steigt die Staatsverschuldung, steigt das ökonomische Wachstum einer Nation zunächst an. Über- schreitet die Staatsverschuldung allerdings 90 Prozent, kehrt sich dieses Verhältnis recht ab- rupt um: Aus demWachstum wird eine Kon- traktion – und die Wirtschaftsleistung sinkt von da abmit weiter steigender Verschuldung. Die Entdeckung einer„90-Prozent-Schul- denschwelle“ schlug einwie eine Bombe. Man- che vermuten gar, der Artikel hätte nach der Finanzkrise von 2008 die europäische Sparpo- litik mit begründet. Sicher ist jedenfalls, dass das Paper von westlichen Politikern begeis- tert zur Rechtfertigung ihrer restriktiven Fis- kalpolitik genutzt wurde. Nichts Böses ahnend nahmsich dann 2013 der Student Thomas Herndon im Rahmen ei- ner Semesterarbeit die Daten vor, auf denen das Reinhart-Rogoff-Paper basierte. Nach ei- nigem Hin und Her hatten ihm die Autoren dazu das Original-Excel- Spreadsheet überlas- sen. Und siehe da, in wenigen Minuten fand Herndon eine Reihe von gravierenden Feh- lern in der Tabellenkalkulation! Nach Korrek- tur verschwand die Schuldenschwelle, ja die Daten belegten nun sogar das Gegenteil: ei- nen stetigen, positiven Zusammenhang von Staatsverschuldung undWachstum über den gesamten untersuchten Bereich! Was lernenwir daraus? Abgesehen davon, dass der Grundfehler von Reinhart und Rogoff in der Verwechslung von Korrelation und kau- saler Ursache steckt: Excel eignet sich nicht zur Analyse komplexer wissenschaftlicher Da- ten! Noch wichtiger aber:Wissenschaftler ma- chen Fehler – und diese können fatale Kon- sequenzen haben. Irren ist menschlich – so heißt es jeden- falls. Fehler treten demnach überall dort auf, wo Menschen tätig werden. In vielen Berei- chen der Gesellschaft hat man das erkannt – insbesondere dort, wo Fehler unmittelbar zu kleineren oder größeren Katastrophen füh- ren können. Zum Beispiel in Atomkraftwer- ken, in der Flugsicherung, oder auch im Kran- kenhaus. Ein professioneller Umgangmit Feh- lern, um sie – oder wenigstens derenWieder- holung – möglichst zu verhindern, ist hier in Form von Fehlermanagement-Systemen ge- setzlich vorgeschrieben. In der biomedizinischen Forschung kennt man so etwas interessanterweise nicht. Von Fehlern hörenwir dort nur aus den„Errata“, die sich manchmal in PubMed verirren. Meist be- stand der„Fehler“ dann darin, dass der Name des Instituts eines der Autoren falsch geschrie- ben wurde oder – horrible dictu – ein Autor an falscher Stelle aufgeführt wurde! Waren Sie etwa schon mal auf einer Insti- tutsbesprechung, in der eineWissenschaftle- rin oder ein technischer Assistent einen Feh- ler vorgestellt hat, den sie oder er kürzlich ge- macht haben? Und wo dieser dann gemein- sam analysiert und diskutiert wurde? Vermut- lich nicht. Weil es das nämlich kaum gibt. In der Klinik dagegen ist das Standard. In soge- nannten „Morbiditäts- und Mortalitäts-Kon- ferenzen“ werden besondere Behandlungs- verläufe, unerwünschte Ereignisse, Todesfäl- le und so weiter systematisch aufgearbeitet. Das Ziel dabei ist, in einer multiprofessionel- len Umgebung Fehler und Schwachstellen – vor allem in klinischen Prozessen – zu identi- fizieren, inklusive daraus Verbesserungsmaß- nahmen abzuleiten und umzusetzen. Könnte es sein, dass die biomedizinische Wissenschaft so etwas nicht nötig hat? Weil kaum Fehler gemacht werden? Und wenn doch, dass sie dann ohne Einfluss auf die Er- gebnisse oder deren Interpretationen sind? Dass sich Fehler demnach in derWissenschaft ohnehin nicht wiederholen? Aber natürlich machen wir Fehler! Eine Menge sogar, und folgenschwere sind auch dabei! Und unsere Fehler wiederholen sich sogar manchmal. Dabei können Fehler in der biomedizinischen Grundlagenwissenschaft mittelbar Patienten schädigen (siehe dazu LJ 10/2018: 28-29). Sie können Doktoranden um Jahre ihrer Jugend berauben, zumunnöti- gen Tod oder Leid von Versuchstieren beitra- gen – oder ganz allgemein zu massiver Res- sourcenvergeudung führen. Was gibt es nicht alles für Fehlerquellen in der komplexen Arbeitswelt des Labors! Systematische Fehler von Geräten wie Pipet- ten, Waagen, Platten- Readern , et cetera . Gerä- te gibt es im Labor ja wahrlich genug; wobei die meisten noch komplexer sind als eine Pi- pette. Und schon die kannman überdrehen – dann ist sie nicht mehr kalibriert, was die Ex- perimente der Nachnutzer torpediert. Über- haupt Geräte-Kalibration: Wenn diese nicht oder falsch durchgeführt wurde, steht alles, was daraufhin mit dem Gerät gemacht wird, unter einem schlechten Stern. Und dazu kom- men etwa noch die Fehler durch Abweichun- gen von Protokollen... Am häufigsten sind aber wohl doch die „menschlichen Fehler“ – wie etwa offen gelas- seneTiefkühlschränke, falsche Etikettierungen Es irrt der Mensch, solang er strebt Einsichten eines Wissenschaftsnarren (17) »Fehler können Doktoranden um Jahre ihrer Jugend berauben.« Aus Fehlern lernt man, heißt es. Wieso gibt es dann in der biomedi- zinischen Grundlagenforschung keine nennenswerte Fehlerkultur? »Wissenschaftler machen Fehler – und diese können fatale Konse- quenzen haben.«

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