Laborjournal 2019-03

| 3/2019 22 Serie Triangulation! Die Ägypter bauten damit ihre Pyramiden. Die Griechen haben einen Zweig der Mathematik daraus entwickelt. Noch bis ins 19. Jahrhundert wurden ganze Länder so vermessen, und weit ins 20. Jahrhundert hi- nein haben Schiffe ihre Position damit be- stimmt. Man braucht nur ein Geodreieck und einen Winkelmesser, den die Vermes- sungskundler einen Theodoliten nennen – und schon kann man mit den Koordinaten zweier sichtbarer Landmarken durch Trian- gulation seine eigene Position auf einer Kar- te bestimmen. So einfach ist das! Doch was schwärmt der Narr da von der Landvermessung, der Geodäsie? Könnte es et- wa sein, dass die Triangulation auch ein wich- tiger methodischer Ansatz in der Biologie ist? Ein Heilmittel gar für die Replikationskrise? Marcus Munafò und George Smith von der University of Bristol haben jedenfalls genau das vor kurzem in einem Kommentar in Na- ture postuliert (553: 399-401). Die Soziologen nennen es Triangulation, wenn sie zwei oder mehr unterschiedlicheMe- thoden einsetzen, um einen Sachverhalt zu untersuchen. Wenn die Resultate an einem Punkt konvergieren – das heißt, zumgleichen Ergebnis führen –, dann erhöht dies die Vali- dität und die Glaubwürdigkeit des Resultats. Machen wir das nicht auch routinemäßig in den experimentellen Lebenswissenschaften? Hat die Knock-out-Maus denselben Phänotyp wie eine, bei welcher der Signalweg pharma- kologisch geblockt wurde? Korrelieren Tran- skript und Proteinexpressionmit dem Phäno- typ? Auch die gute alte Dosis-Wirkungskurve hat etwas davon, schließlich „peilen“ wir mit ihr doch auf verschiedene Konzentrationen. Die biologisch-medizinische Grundlagen- forschung ist es also gewohnt, von bereits eta- bliertemWissen (die Landmarken des Vermes- sers!) mit unterschiedlichenMethoden ein Ziel „anzupeilen“. Konvergieren dann die Resul- tate – bingo, schon haben wir den biologi- schen Mechanismus sicher verortet! Deshalb lässt es so viele von uns kalt, wenn gewisse Spaßverderber mit einfacher Oberstufen-Sta- tistik nachweisen, dass die meisten Studien in der Biomedizin trotz signifikantem p-Wert falsch positiv sein müssen (siehe meinen ers- ten „Wissenschaftsnarren“ in LJ 4/17: 24-25). Weil wir ja nicht nur auf EIN Resultat setzen, sondern mittels verschiedener Ansätze trian- gulieren! Und zur Absicherung von Ergebnis- sen sollte das doch sogar besser sein als zu reproduzieren. Wenn etwas einfach nur wie- derholt wird, ist es schließlich nicht unwahr- scheinlich, dass ein systematischer Fehler mit wiederholt wird. Und das macht das Ergeb- nis vielleicht reproduzierbar, aber immer noch nicht richtig. Lagen die Skeptiker also falsch, die sich umdie Reproduzierbarkeit der Ergebnisse aus der Biomedizin sorgten? Schön wär’s! Leider ist die Sache trotz munteren Triangulierens in vielen Laboren eben doch nicht so trivial. Dennwie jeder Geodät bestätigenwird, ist das Prinzip der Triangulation zwar einfach, exak- te Ortsbestimmung durch Triangulieren aber beileibe kein Kinderspiel. Auf die biomedizinische Grundlagenfor- schung bezogen ergeben sich daher einige Spielregeln, die leider häufig nicht eingehal- ten werden. Zunächst einmal müssen wir uns sicher sein, dass unsere„Landmarken“ biolo- gisch fundiert sind – und nicht selbst Resul- tat falsch-positiver Ergebnisse, einer Überin- terpretation der Ergebnisse, oder ein Artefakt experimenteller Bedingungen. Der Geodät tut sich da leichter: Die Position der Referenzland- marken findet er Dezimalsekunden-genau auf der Landkarte. Wenn wir dann den Winkelmesser – das heißt, verschiedene Methoden auf eine Hy- pothese – ansetzen , müssen wir zudem sau- ber ablesen. Dies bedeutet: Verblindung, kei- ne Flexibilität in der Auswahl der zu verwen- dendenDatenpunkte und soweiter. Undwenn die Peilung am Ende einenWinkel ergibt, der uns nicht ins Konzept passt, dann dürfen wir diesenWert nicht einfach ignorieren und den Vom Triangulieren beim Experimentieren Einsichten eines Wissenschaftsnarren (18) Ulrich Dirnagl leitet die Experimentelle Neuro- logie an der Berliner Charité und ist Gründungsdirektor des QUEST Center for Transforming Biome- dical Research am Berlin Institute of Health. Für seine Kolumne schlüpft er in die Rolle eines „Wis- senschaftsnarren“ – um mit Lust und Laune dem Forschungsbe- trieb so manche Nase zu drehen. Foto: BIH/Thomas Rafalzyk »Richtig angewendet kann Triangulation tatsächlich robustere Ergebnisse liefern.« In den Lebenswissenschaften liefern uns oft verschiedene Methoden das gleiche Ergebnis. Spricht das nicht gegen eine Reproduktionskrise? Lei- der nicht unbedingt!

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