Laborjournal 2019-04

| 4/2019 18 Serie Kennen Sie den schon?„Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass die Deutsche Forschungsge- meinschaft nach eingehender Prüfung durch die zuständigen Ausschüsse IhremAntrag auf Gewährung einer Sachbeihilfe nicht entspre- chen konnte.“ Vermutlich ja, denn das ist der Standardsatz in den Ablehnungsschreiben der DFG. Und so oder so ähnlich lesenwir ihn auch von anderen Fördergebern. Rein statistisch gesehen passiert uns das leider recht häufig. In der Biomedizin liegen die Förderquoten zwischen 5 und 30 Prozent. Häufig empfinden wir solche Ablehnun- gen von Anträgen als persönliche Kränkun- gen. Nicht ganz zu unrecht, haben wir doch unsere besten Ideen reingeschrieben, meist auch schon einige Ergebnisse verarbeitet, die wir „schon im Kasten hatten“, das Ganze gar mit viel Prosa aufgehübscht, dazu den wich- tigsten möglichen Gutachtern durch strate- gisch platzierte Zitate geschmeichelt und so weiter. Und dann die Ablehnung! Also noch mal von vorne: Alles umschrei- ben, wieder einreichen – vielleicht bei einem anderen Fördergeber.Womit man als Forscher eben so seine Zeit verbringt. Wenn man nicht gerade selber die Anträge Anderer begutach- tet. Ganze 40 Prozent ihrer Zeit verbringenWis- senschaftler heutzutage mit dem Schreiben oder Begutachten von Anträgen. Dabei kennenwir doch alle dieMisere des Antragswesens: Hoher Aufwand für alle Be- teiligten (auch bei den Förderinstitutionen); häufigmarginale Expertise im Review -Prozess; amEnde doch eher Förderung vonMittelmaß, wohingegenwirklich Neues und Risikoreiches auf der Strecke bleiben; fehlende Kriterien für den zukünftigen Erfolg der Projekte;„Gutach- ter-Seilschaften“ und Interessenkonflikte; Mat- thäus-Effekt („Wer hat, dem wird gegeben“); Bevorzugung etablierter Forscher und Man- gel an Fairness,... – um nur einige von denen zu nennen, die die wenigsten von uns abstrei- ten würden. Aber wir Wissenschaftler scheinen eine Schafsnatur zu haben. Trotz allgegenwärtiger Kritik – insbesondere unter befreundeten Kol- legen und nach ein paar Bier – drehen wir un- beirrt weiter das Hamsterrad. So ist das Sys- tem halt, und ein anderes haben wir nicht. Dabei gäbe es recht naheliegende Alter- nativen zum Peer Review von Forschungsanträ- gen. Sie sind sogar sehr plausibel. Nur wurde keine davon bislang im großen Maßstab ge- testet – obwohl es doch kaum noch ineffek- tiver und unbefriedigender werden kann als mit dem gegenwärtigen Prozedere. Entsprechend wäre doch jede Menge Raum zumExperimentieren da!Wissenschaft- ler neigen doch zu genau dieser Tätigkeit, wa- rumnicht auchmal in Sachen Antragswesen? Über eine solche prinzipielle Alternative hat der Narr schon vor einiger Zeit berichtet: Grundfinanzierung vonWissenschaftlern, kom- biniert mit Peer-to-Peer -Förderung. Dabei müs- senWissenschaftler einen bestimmten Anteil ihrer Grundfinanzierung an andere Forscher ih- rerWahl weitergeben. (Wemdas jetzt Spanisch vorkommt, der sei eingeladen, sich das noch- mals anzuschauen, LJ 6/2017: 22-23 ). Dieses System macht viel Sinn – ist aber recht radi- kal und dürfte es daher im konservativenWis- senschaftsbetrieb schwer haben, je ernsthaft auf den Prüfstand zu kommen. Eine andere Idee hat dagegen womög- lich größere Chancen, umgesetzt zu werden – wiewohl auch die hinreichend verrückt klingt: die Förderlotterie! Mindestens drei große Fördergeber welt- weit experimentieren derzeit mit Systemen, bei denen der Zufall eine wichtige Rolle in der Förderentscheidung spielt: die „Explorer Grants“ des Health Research Council of New Zealand , die „Seed Projects“ von New Zea- land’s Science for Technology Innovation und – man höre und staune! – hier in Deutschland die Volkswagenstiftung mit ihrer Förderlinie „Experiment!“. Deren Motto lautet quasi:„For- schungsförderung hat ohnehin schon Lotte- rie-Charakter, dann lasst uns doch gleich ei- ne ordentliche daraus machen.“ Das Ganze ist indes weniger verrückt, als es klingt, hat zudem eine Historie, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht, und basiert auf einer Reihe von soliden theoretischen Arbei- ten und Simulationen. Wie also funktioniert so eine Förderlotterie? In ihrer reinsten Form ganz einfach: Wissenschaftler stellen Anträge. Diese werden einem initialen Check unterworfen, wonach das ausselektioniert wird, was ganz offensichtlich keinen Sinn macht, nicht den formalenVorgaben entspricht et cetera . Dann kommt alles, was übrig bleibt, in einen Topf, und man zieht so viele Anträge raus, wie ins- gesamt gefördert werden können. Das lässt sich natürlich weiter verfeinern. Zum Beispiel bei den Kriterien der Vorselekti- on. Hier kann man etwa ein Minimalset von Anforderungen einführen, das sowohl das wis- senschaftliche Œuvre des Antragstellers, als auch die verfolgten Hypothesen und ange- wandten Methoden einbezieht. Diese sollten aber relativ breit und offen gehalten werden, denn sonst würde man womöglich doch ge- rade die unorthodoxen Ideen und verborge- nen Fertigkeiten der Antragsteller eliminieren. Alternativ könnte man auch die Top-An- träge des initialen Review direkt fördern, und nur den „mittleren Bereich“ auslosen – also die Anträge zwischen den eindeutigen Tops und Flops. Auch eine gewichtete Lotterie ist denkbar, in welcher der Zufall dosiert einge- speist wird: Je besser die Noten im initialen Liebe DFG, verlost doch Eure Fördergelder! Einsichten eines Wissenschaftsnarren (19) Fördergelder nach Peer-Review- Ver- fahren verteilen? Ineffektiv und höchst unbefriedigend – erwiese- nermaßen! Warum also nicht gleich eine Antrags-Lotterie einführen? »Warum experimentieren wir Wissenschaftler nicht auch mal in Sachen Antragswesen?«

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