Laborjournal 2019-05

| 5/2019 58 BUCH ET AL. In die Rolle eines Virus schlüpfen und dabei ei- nen menschlichen Körper befallen – das Prin- zipdes Brettspiels Viral vonCorax Games klingt einfach, ist es aber nicht. Denn um an die be- gehrtenViruspunkte zu gelangen, müssen die Spieler Organe infizieren und sogar kollabie- ren lassen. Wer nach insgesamt sechs Runden die meisten Punkte hat, gewinnt. Dabei arbei- ten die unterschiedlichenViren nicht mit-, son- dern gegeneinander. Erschwerend hinzu kommt die Medizin in Form von Impfstoffen, und auch das Im- munsystem des Patienten kann den Patho- genen einen Strich durch die Rechnung ma- chen. Es bedarf also einiges an Geschick, sich im Wirt erfolgreich auszubreiten und ganze Organzonen zu beherrschen. Abhilfe schaf- fen da die Fähigkeiten der viralen Mitbewoh- ner, zu mutieren und sich hartnäckig imWirt festzusetzen. Auf demgroßen Spielbrett ist der mensch- liche Körper in insgesamt fünf Zonen einge- teilt, die aus ein bis drei Organen bestehen. Diese sind hauptsächlich über Arterien und Venen verbunden, die teilweise als Einbahn- straßen das Ausbreiten der Viren verkompli- zieren. Jede Runde ist in sechs Phasen aufgeteilt, in der zum Beispiel die Viren von ihren Besit- zern in die Organe verteilt und Mutationskar- ten gezogen werden, die Entwicklung eines Impfstoffes voranschreitet oder das Immun- system auf die lästigen Untermieter reagiert. Nach jeder Runde bekommen die Viren-Spie- ler ihre Zwischenpunkte. Das Spiel ist für maximal fünf Personen ausgelegt, bei zwei Spielern kommt noch ein imaginärer dritter hinzu. Laut Hersteller kön- nen auch schon Kinder ab zehn Jahren mit- machen, die Spielzeit beträgt 60 bis 90 Minu- ten. Tipp: Sollten Sie das Spiel zum ersten Mal spielen – planen Sie mehr Zeit ein. Sich Zeit nehmen Denn Viral ist etwas für Geduldige. Das be- ginnt schon mit der Spielanleitung: Diese ist üppig und erstreckt sich über 15 nahezu DIN- A4-große Seiten. Dadurch sinddie Regeln zwar ausführlichund verständlich erklärt, bisman sie jedoch durchgelesen und verstanden hat, ver- geht gut eine halbe Stunde, wenn nicht mehr. Ärgerlich ist, dass trotz kleinlich ausformulier- tem Regelwerk dennoch nicht immer klar ist, ob ein spezifischer Spielzug überhaupt gül- tig ist. Das hemmt den Spielspaß, stiftet Ver- wirrung und führt zu unnötigen Diskussionen. Umden Spieler nicht zu sehr an die Anlei- tung zu binden, geben die Entwickler Hilfe- stellungen. So sind die sechs Phasen der ein- zelnen Runden auf dem Spielbrett minimalis- tisch aber verständlich skizziert und auch die Aktionssymbole auf der vor jedem Spieler lie- genden Spielertafel beschrieben. Neben den Spielertafeln und dem Spiel- brett glänzt Viral mit reichlich Spielmaterial. Neben insgesamt 69 zum Teil unterschiedli- chen Spielsteinen gibt es noch summa sum- marum 90 Basis-Mutations- sowie „normale“ Mutations-, Zonen- und Ereigniskarten. Eine haptischeWohltat und der Grund, sich auf ei- nermöglichst großenOberfläche auszubreiten. Besonderen Spaßmachen die Ereigniskar- ten, denn sie bringen frischen Wind in den Spielverlauf. So müssen bei der Karte„Großes Geschäft“ etwa alle Viren plötzlich den Dick- darm verlassen, bescheren ihren Besitzern al- lerdings zusätzliche Punkte. Viral ist für Strategen. Die Spieler müssen eine Menge Faktoren im Blick behalten, um die meisten Punkte zu ergattern. Für den An- fänger ist das nicht immer einfach, ein geüb- ter Spieler hat es da schon leichter und wird sich dennoch nicht langweilen. Einen weiteren Pluspunkt erhält der Co- rax-Games-Abkömmling für die liebevoll ge- staltete Optik. Die einzelnen Viren sind der- maßen witzig sowie frech illustriert, und auch das Spielbrett mit den farbenfrohen Organen ist sehr ansprechend. An dieser Stelle sei der mazedonische Illustrator Mihajlo Dimitrievski erwähnt, dem die Spielentwickler das Design zu verdanken haben. Viral ist ein Spiel mit vielen Stärken und ein paar Schwächen. Das Thema ist unverbraucht, witzig und frech umgesetzt. Leider ist es gera- de als Anfänger manchmal schwierig zu ver- stehen, was man auf dem Spielbrett eigent- lich tut oder vielmehr tun sollte. Was zu Be- ginnwildemRumprobieren gleicht, entwickelt sich im Laufe der Zeit zum taktischenWettei- fern mit den Gegenspielern. Dennoch spielt der Faktor Glück eine nicht unwesentliche Rolle – das kann manchmal frustrierend sein, macht das Spiel aber be- sonders spannend. Juliet Merz Anm. d. Red.: Zur Zeit ist die deutsche Ver- sion von Viral nicht lieferbar. Der Grund: Co- rax Games plant für Juli 2019 eine Crowd- funding-Kampagne, um das Spiel zukünftig günstiger anbieten zu können. Wer nicht war- ten möchte, kann die englische Version bei un- terschiedlichen Online-Händlern erwerben. Wer das Brettspiel Viral gerne mal ausprobieren möchte, sollte drei Dinge mitbringen: Geduld, Zeit und ein wenig Grips. Ein verträumter Spieleabend mit der einen oder anderen Plauderei zwischendurch ist nicht drin. Denn Viral fordert uneingeschränkte Konzentration – und dann macht es sogar richtig viel Spaß. Ansteckender Spielspaß Spiele und Bücher – für Groß und Klein Foto: iStock/ ferrantraite Gil d‘Orey, Antonio Sousa Lara Viral Corax Games (2017) Spieler: 2-5 Sprache: Deutsch, Preis: früher 49,99 Euro, voraussicht- lich bald 35 Euro

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