Laborjournal 2019-06

| 6/2019 24 Serie Schweine, wollt ihr ewig leben? Einsichten eines Wissenschaftsnarren (21) Aus aktuellemAnlass widmet sich der Narr diesmal den letzten Dingen. Am17. April titel- te Nature anlässlich eines Artikels, bei dem es umwiederbelebte Schweinehirne ging:„ Tur- ning back time! “ Nicht nur die Grundfeste der Biologie, gar der Physik schienen damit aus den Fugen geraten. Wenn schon Nature denVerstand verliert, gibt‘s imBoulevard natürlich keinHaltenmehr. Die BILD wusste, obzwar in dem Artikel gar kein Alzheimer vorkommt:„Durchbruch in der Alzheimer-Forschung: US-Forscher reaktivie- ren totes Schweine-Hirn.“ Der Schweizer Rund- funk, sonst eher konservativ in der Berichter- stattung, dichtete:„Frankenschwein lebt!“We- gen der Nähe zum Osterfest sprach die Süd- deutsche davon, dass Nature ein eigenes„Auf- erstehungsfest“ feiere. Weltweit schallte also aus Zeitungen, Fern- sehen und Internet die frohe Botschaft, dass esWissenschaftlern gelungen war, Schweine- hirne wieder lebendig werden zu lassen. Der Clou dabei: Man hatte die Hirne vomSchlacht- hof geholt. Stimmungsmäßig oszillierte die Be- richterstattung zwischen Grusel und Exstase, denn damit stand die Frage im Raum: Ist der Tod umkehrbar? Die Studie von Forschern der US-amerika- nischenYale-Universität hätte natürlich nicht nur für Metzger und Intensivmediziner große Bedeutung: Man denke nur an die ethischen Implikationen, und das mitten in der Organ- spende-Diskussion.Wennman Schweinehirne Stunden nach demTod wiederbeleben kann, können wir dann überhaupt noch von Hirn- tod sprechen? Und wenn man sich in dieser Frage nicht sicher sein kann, nach welchen Kriterien dürfen dann überhaupt noch Orga- ne zur Transplantation entnommen werden? Deshalb hatte Nature demArtikel gleich zwei mehrseitige Kommentare von prominenten Ethikern zur Seite gestellt und damit Öl ins selbstgelegte Feuer gegossen. Bei so viel Aufregung empfiehlt sich das Motto: Außergewöhnliche Behauptungen er- fordern außergewöhnliche Evidenz! Fragenwir also, was dieWissenschaftler da in Nature be- richtet hatten, und was eigentlich davon zu halten ist. Folgendes war geschehen: Zvonimir Vrsel- ja und seine Kollegen hatten Schweinehirne vomSchlachthof vier StundennachTötungder Tiere an eine selbstgebastelte Maschine an- geschlossen. DieseMaschine, effektheischend BrainEx genannt, durchströmte das Hirnge- webe für maximal sechs Stunden mit einer Lösung, die einen künstlichen Sauerstoffträ- ger und eine Reihe von zytoprotektiven Sub- stanzen enthielt. In den so behandelten Hir- nen konnten die Forscher die Erhaltung eini- ger zellulärer Strukturen samt rudimentären Zellfunktionen beobachten. Dies bis maximal zehnStunden postmortem und imUnterschied zu nicht an BrainEx angeschlossene Gehirne. Zum Beispiel reagierten die Hirngefäße auf applizierte vasoaktive Substanzen; Gliazellen ließen sichmit bakteriellen Zellwandbestand- teilen stimulieren; die strukturelle Morpholo- gie von Neuronen, beispielsweise im Hippo- campus, war gut erhalten; Ableitungen von einzelnen Neuronen zeigten relativ normale elektrophysiologische Eigenschaften. Synchro- nisierte Netzwerkaktivität jedoch war nicht vorhanden, denn ein kortikales Elektroenze- phalogramm (EEG) ließ sich nicht ableiten. Das alles ist durchaus bemerkenswert, zu- demwar esmethodisch recht sauber gemacht und präsentiert. Trotzdem hat die Arbeit zwei entscheidendeMängel: Zumeinen beschreibt sie nichts grundsätzlich Neues. Und die Be- hauptung, dass hier ein relevanter Schritt in RichtungWiederherstellung von Hirnfunktion nach längerer Unterbrechung der Hirndurch- blutung getan wurde, ist nicht nur übertrie- ben, sondern schlichtweg falsch. Warum ist es nichts Neues, wenn Gehirne nach Unterbrechung der Blutzufuhr und erlo- schenem EEG wieder Funktionszeichen ent- wickeln? Schon 1970 hatte der Kölner Neuro- loge Konstantin Alexander Hossmann gezeigt, dass Katzenhirne nach einer Stunde komplet- temDurchblutungsstopp wieder ein EEG ent- wickeln und evozierte Potenziale abgeleitet werden können. Die Arbeit, damals in Science publiziert, stimulierte eine ganze Generation von Neurowissenschaftlern, sich auf die Su- che nach neuroprotektiven Substanzen zuma- chen. Bis dato war man davon ausgegangen, dass Hirngewebe unmittelbar mit Durchblu- tungsstopp praktisch demUntergang geweiht und jede nachfolgende therapeutische Maß- nahme somit zwecklos sei. Frecherweise er- wähnen Vrselja et al. Hossmanns Arbeit so- gar – allerdings en passant ohne Kontext und begraben in einer Liste von anderen Zitaten. Neu ist der Befund vom„wiederbelebten Hirn“ auch deshalb nicht, weil wir schon lan- ge und mit Sicherheit wissen, dass sich ein EEGwieder einstellen kann, auchwenn es ein- mal weg war – was bei den Schweinehirnen ja noch nicht einmal passierte. Und das wis- sen wir sogar vom Menschen! Patienten, die in tiefer Hypothermie und induziertem Kreis- laufstillstand operiert werden, habenwährend der chirurgischen Ausschaltung großer Gefäß- missbildungen imGehirn keine messbare hir- nelektrische Aktivität beziehungsweise keine evozierten Potenziale mehr – und dies durch- aus auch für eine volle Stunde. Dennoch ge- hen glücklicherweise viele dieser Patienten nach dem Eingriff wieder ihrem Beruf nach. Analoges kann für Patientennachgeglück- ter Reanimation bei Herzstillstand gelten. Es Seid keine Narren: Das Nature - Paper um vermeintlich wiederbe- lebte Schweinehirne offenbart gar nichts. Höchstens einige gravierende Mängel des Wissenschaftssystems – aber die gleich massiv. »Was die Arbeit behauptet, ist nicht nur übertrieben, sondern schlichtweg falsch.«

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