Laborjournal 2019-06

| 6/2019 8 Nachrichten Fokussiert Inkubiert ... Dieses Schicksal unseres Forschers Ernst teilt bislang offenbar die große Mehrheit der Kollegen, die in einer Open-Access -Zeitschrift mit Post-Publication-Peer-Review (PPPR) veröf- fentlichten. Zumindest ist dies das Ergebnis ei- ner Studie, die englische Informationswissen­ schaftler Anfang des Jahres unter demTitel „‘No comment’? A study of commenting on PLOS ar- ticles“ im Journal of Information Science (doi: 10.1177/0165551518819965) publizierten. Für die Studie durchforsteten die Autoren sämtliche Artikel, die zwischen 2003 und 2016 in allen PLOS -Journalen erschienen waren, und analysierten die Kommentare, die in ge- wünschter PPPR -Manier dazu abgegeben wur- den. Die Ergebnisse waren – kurz gesagt – ent- täuschend: » Alle untersuchten 15.362 Artikel zusam- men zogen insgesamt 30.034 Kommentare nach sich, die sich allerdings auf nur 7,4 Pro- zent der Artikel verteilten. Das heißt im Umkehrschluss, dass 92,6 Prozent der Artikel überhaupt nicht kommentiert wurden und somit – abgesehen von einer groben Soliditäts- prüfung vor der Veröffentlichung – prinzipiell unbegutachtet blieben. » Von diesen„kommentierten“ Artikeln er- hielten zwei Drittel lediglich einen Kommentar. » Ein Drittel der Kommentare hatte aus- schließlich prozeduralen Inhalt – so wurden etwa Druckfehler, kleinere Irrtümer oder die Autorenreihenfolge korrigiert sowie auf wei- terführende Links oder nachfolgende Medien­ berichterstattung hingewiesen. » Zwei Drittel beschäftigten sich tatsäch- lich„akademisch“ mit dem jeweiligen Artikel, wobei ein guter Teil davon lediglich aus Fragen an die Autoren oder Hinweisen auf zusätzliches „Material“ bestand. Nur gut die Hälfte dieser Kommentare diskutier- te tatsächlich den Inhalt des jeweiligen Papers in Form von Lob oder Kritik. » Von diesen„akade- mischen“ Kommentaren wiederum beschränkten sich zwei Drittel auf die rein technische Solidität des Papers. Nur ein Drittel widmete sich mindes- tens einem der Aspekte „Neuheit“, „Relevanz für das betreffende Journal“ und„Bedeutung der Ergebnisse“ – also genau denjenigen Aspekten, die ein gesunder Peer Review eigentlich abschließend beurteilen soll. Nach alldem scheint es also gewaltig mit der Praxis des PPPR zu hapern – und das iro- nischerweise gerade dort, wo er schon lange möglich ist. Die Autoren schreiben denn auch selbst im Blog Scholarly Kitchen über ihre Studie: „Teilweise bestätigt unsere Forschung, was viele Verlage bereits wissen: Wissenschaftler kommentieren Paper nur selten.“ Und als Hauptursache dafür machen sie schließich das allzu feste Kleben an langjähri- gen akademischen Traditionen aus. So schrei- ben sie am Ende weiter: „Unsere Forschung zeigt, dass […] akade- mische Kommentare meist Fragen der techni­ schen Solidität ansprechen – ironischerweise gerade der Aspekt, der [bei PLOS] bereits in der Vorab-Beurteilung geprüft wird. Damit PPPR- Modelle aber funktionieren wie ursprünglich konzipiert, müssen die Verlage nicht einfach nur mehr Wissenschaftler davon überzeu- gen, dass sie häufiger kommentieren – was sowieso schon eine große Herausforderung darstellt –, sondern zugleich auch, dass die- se auf eine andere Art kommentieren. Leider stößt sich vieles davon an den langjährigen akademischen Kulturen, die notorisch schwer zu verändern sind. Dennoch müssen gerade die Bereitschaft zum Kommentieren sowie die grundsätzliche Teilnahme am Peer Review viel stärker als Beiträge zum Dialog innerhalb der Forschergemeinde anerkannt und belohnt werden.“ Hört sich an, als hätte praktischer PPPR im- mer noch einen weiten Weg vor sich. RN Offener Post-Publication-Peer-Review Die Angst der Forscher vor dem Kommentieren Welche Ihrer Paper würden Sie als „groß“ bezeichnen? Oder anders gefragt: Auf wel- ches Paper sind Sie ammeisten stolz? Sind es nur die „offensichtlichen“? Also diejenigen, die Sie in vermeintlich großen Journals mit hohem Impact -Faktor plat- zieren konnten – Nature , Science , Cell und Konsorten? Oder wecken nicht vielleicht doch an- dere „Werke“ besonders tiefe Genugtuung in Ihnen – selbst wenn diese damals nur in Blättern aus der zweiten oder dritten Rei- he erschienen? Etwa dieses eine Paper, weil Sie gerade dafür besonders große Klippen umschiffen mussten – und hierbei eigent- lich erst lernten, wie Forschung und Wis- senschaft tatsächlich funktionieren? Oder womöglich auch dieses andere, das zwar zugegebenermaßen ziemlich unausge- goren daherkam, aber nichtsdestotrotz die allerersten Hinweise enthielt, in wel- che Richtung Sie Ihr Forschertreiben nach- folgend lenken sollten? Und was ist mit diesem unscheinbaren, kleinen Artikel, in dem Sie eine verblüffend elegante Lösung für ein bestimmtes Problem beschrieben, auch wenn das Resultat selbst nicht gera- de „earthshaking“ war? Und dann – klar! – ist da ja noch diese frühe Communication , die aber dennoch den Start von mehreren fruchtbaren und nachhaltigen Kooperatio- nen markierte... Es gibt folglich vielerlei Gründe, wes- halb Sie auf Ihrer persönlichen Werteska- la bestimmte Paper aus eigener Feder als „groß“ und wichtig empfinden – und an- dere eher weniger. Interessanterweise ha- ben die Impact -Faktoren der Zeitschriften, in denen sie erschienen sind, oft nicht wirk- lich damit zu tun. Dumm daher, dass Gutachter und Kommissionen dies weiterhin anders prak- tizieren – und Publikationsleistungen un- beirrbar auf die nach Impact -Faktor kal- kulierten Zahlen reduzieren. Oder ist es et- wa anders zu werten, wenn jemand gera- de auf Twitter berichtet, dass er schon bei mehreren Gelegenheiten den gleichen För- derantrag eingereicht hat, jeweils bevor und nachdem er einen „ Impact -starken“ Artikel zum Thema draußen hatte – und dass dadurch das Urteil jedes Mal von ei- nem „Nein“ zu einem „Ja“ mutierte? Dabei, so verriet er weiter, rechnete er diese im persönlichen Vergleich gar nicht mal zu seinen „großen“ Papern. Ralf Neumann Schon ein Vierteljahr online, und kein mensch scheint Zeit und Lust zu haben, sich mit meinem Paper zu beschäftigen. .. Zeichnung: Rafael Florés

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