Laborjournal 2019-09

9/2019 | 21 HINTERGRUND die Frau ihre Schwangerschaft, aus wel- chenGründen auch immer, verschweigen, dro- hen ihr dennoch keine Konsequenzen. Auch nicht in Österreich, wie die Arbeiterkammer auf Nachfrage bestätigt. Ein weiter oben schon einmal angespro- chenes Hilfsangebot ist die temporäre Umge- staltung des Arbeitsplatzes. DieseMöglichkeit gibt es etwa am FMI in Basel: „Auf Vorschlag des Arbeitsmediziners und in Absprache mit der Schwangeren wird der Arbeitsbereich je- weils so re-organisiert, dass ein sicheres Ar- beitenwährend der Schwangerschaft und der Stillzeit gewährleistet ist“, erklärt Kommuni- kationsleiterin Baumann die Vorgehenswei- se und ergänzt: „Hierbei wird nicht nur das objektive Gefahrenpotenzial bewertet, son- dern insbesondere auch das subjektive Emp- finden der Betroffenen.“ Der gesamte Prozess würde außerdem innerhalb von fünf Arbeits- tagen durchgeführt, umdie Forschungsarbeit nicht unnötig zu verzögern. Größter Wunsch: In eigener Abteilung bleiben Für ein ähnliches Modell hat sich auch das DKFZ entschieden.„Wir haben uns gegen ein Schwangerenlabor entschieden und ver- suchen nach individueller Beratung der Vor- gesetzten und der Schwangeren in der Abtei- lung selbst sichere Arbeitsplätze zu schaffen“, erklärt Iris Klewinghaus, Fachkraft für Arbeits- sicherheit der Stabsstelle Sicherheit. Grund für diese Entscheidung sind zum einen die prak- tischen Arbeitsabläufe, denn am DKFZ gebe es kaum Projekte, die laut Mutterschutzge- setz komplett von Schwangeren selbst in ei- nem abgesicherten, separaten Labor durch- geführt werden könnten. „In einem solchen Labor könnten die Schwangeren wenn über- haupt nur einen kleinen Teil ihrer Labortätig- keiten weiterführen“, gibt Klewinghaus eine Einschätzung. Natürlich funktioniert das Arbeiten in ei- ner Abteilung, in der mit für Schwangere ge- fährlichen Stoffen hantiert wird, nur, wenn die anderen Gruppenmitglieder sauber arbeiten und sich verantwortungsvoll verhalten.„Das beruht auf gegenseitigemVertrauen. Wir sa- gen den Schwangeren aber immer wieder, dass sie dringend kommunizieren müssen, wenn sie sich unsicher fühlen“, so Klewing- haus. Außerdem sei es für die Schwangeren immer der größte Wunsch, in den eigenen Abteilungen zu bleiben. Insbesondere, wenn für eine Schwangere die Tätigkeiten einge- schränkt sind, sei sie auf die Vernetzung in- nerhalb der Abteilung angewiesen. Experi- mente, welche die Schwangeren nicht mehr erledigen dürfen, würden von Kollegen über- nommen, und durch wirksame Trennung von Tätigkeitsbereichen würden Gefährdungen ausgeschlossen. Ein wichtiger Knackpunkt sei hingegen, dass die Schwangeren häufig ungern Teile ihrer Arbeit abgeben würden: „Da muss man die Mitarbeiterinnen, die ein Kind erwarten, meist eher bremsen und auf das Mutterschutzgesetz hinweisen.“ Doch wie hilfreich sind die Mutter- schutz-Angebote in der Praxis? Besonders hilfreich scheint wohl die Vertretung im La- bor durch einen Kollegen zu sein, wie Sonja Grath, Gruppenleiterin am Lehrstuhl für Evo- lutionsbiologie der LMU München, bestä- tigt: „In meinem Fall (zwei Schwangerschaf- ten) erhielt ich immer problemlos Unterstüt- zung durch die TAs und andere Kollegen oder Kolleginnen.“ Ihre Meinung zum Schwange- renlabor hingegen ist verhalten.„Ich arbeite zwar nicht so viel im Labor, aber bisher war Schwangerschaft und wissenschaftliche Kar- riere sehr gut vereinbar – auch ohne ein extra Schwangerenlabor.“ Eine„unbeeinträchtigte Fortführung“ der wissenschaftlichen Arbeit und Karriere halte sie für schlicht nicht mach- bar, denn es gebe immer Arbeiten, die wäh- rend einer Schwangerschaft abgegeben wer- den müssten. „Daran ändert meiner Ansicht nach auch ein Schwangerenlabor nichts. Au- ßerdemwürde ich das eher als Ausgliederung denn als Hilfe empfinden.“ Auch nur Gutes berichten kann die freie Laborjournal -Autorin Sigrid März, die insge- samt drei Schwangerschaften im Labor am Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster erlebt hat:„Während der Schwan- gerschaften habe ichmeine Forschung unbe- einträchtigt fortgesetzt, dank der Hilfe vonTAs und Kollegen, die eingesprungen sind und Ar- beiten für mich übernommen haben. Zusätz- lich haben sie große Rücksicht auf mich und meine Schwangerschaft genommen. An der Labortür hing ein selbstgemachtes Hinweis- schild, das auf meine Schwangerschaft hinge- deutet hat und jedes Mal, wenn ich ins Labor kam, rief jemand:‚Siggi ist da!’ – es wurde im Labor noch nie so viel unter’m Abzug gear- beitet wie in diesen Monaten.“ Fest steht: Egal ob Universität oder Insti- tut, die Forschungseinrichtungen versuchen je nach eigenenMöglichkeiten ihr bestes, den Schwangeren so viele Hilfsangebote wie nur möglich anzubieten. Denn wie März richtig sagt: „Die Schwangerschaft ist kein notwen- diges Übel, sondern gehört zumLeben – auch demwissenschaftlichen – dazu. Dasmuss bes- ser signalisiert werden!“ Letztlich liegt es eben nicht allein an den Einrichtungen, wie sehr Schwangere unterstützt werden, sondern auch an Kolle- gen und besonders an einer Personengrup- pe: den Chefs. Wie wichtig Vorgesetzte bei der Vereinbarkeit von Schwangerschaft und Karriere sind, deutet LMU-Frauenbeauftragte Bölter an: „In den Biowissenschaften, die La- borarbeit beinhalten, kann keine [schwange- re] Frau erwarten, ‚unbeeinträchtigt’ einfach so weiter zu machen. Darüber muss sie sich im Klaren sein! Wir tun, was möglich ist, jeder Arbeitsgruppenleiter auf etwas unterschied- licheWeise, abhängig vom Arbeitsgebiet der Frau. Arbeitsschutzrechtlich dürfen Schwan- gere in denmeisten Laboren überhaupt nicht arbeiten; die bekommen dann Büroarbeit oder werden‚ausgelagert’, dass keine Gefährdung besteht. Wie gut das im Einzelnen umgesetzt wird, kann ich Ihnen nicht sagen, bei mir hat sich noch keine Frau beschwert, wie mit ihr umgegangen wurde. Die Frage ist, ob irgend- wer das in Anbetracht der Abhängigkeit vom Chef überhaupt tun würde!“ Es geht auch anders Diese Abhängigkeit demonstriert das er- schreckende finale Beispiel von Frau M. [Na- me von der Redaktion geändert].„Als ich vor circa zehn Jahren als Postdoc an einer deut- schen Universität schwanger wurde, habe ich es unserer damaligen Chefin unverzüglich ge- sagt, denn auch eine TA aus unserer Arbeits- gruppe hatte kürzlich ihre Schwangerschaft verkündet und ich hätte ihre Arbeiten eigent- lich übernehmen sollen.“ Als FrauM. dannmit ihrer Chefin sprach, meinte diese, die Schwan- gerschaft müsseman erstmal als vorläufig be- trachten, es könne ja noch einiges schiefge- hen.„Sie hättewährend ihrer eigenen Schwan- gerschaft auch alles im Labor gemacht und ichwolle dochwas werden“, berichtet FrauM., die anschließend eine Fehlgeburt erlitt.„Das hatte nichts mit dem Labor zu tun. Bei mei- ner erneuten Schwangerschaft, kurz darauf, habe ich es meiner Chefin nicht mitgeteilt. Die heiklen Arbeiten hat dann eine Doktorandin für mich gemacht, die ich eingeweiht hatte.“ Erst ganz spät habe Frau M. ihrer Chefin von der Schwangerschaft berichtet. „Dokto- randen oder Postdocs sind leider komplett auf den Chef angewiesen und gerade in solch ei- ner Situation sollteman eigentlich auf ihre Un- terstützung bauen können“, klagt FrauM. und schließt mit einer heiklen Vermutung: „Das, was mir damals widerfahren ist, war sicher- lich kein Einzelfall.“ Juliet Merz Wenn Sie Ihre Erfahrung (ob positiv oder ne- gativ) öffentlich teilen wollen, können Sie auf unserer Homepage im LJ-Blog einen Kommen- tar hinterlassen, der Artikel erscheint dort zeit- gleich (laborjournal.de/blog ) . Oder Sie senden uns eine E-Mail an news@laborjournal.de –wir behandeln Ihre Daten vertraulich.

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