Laborjournal 2019-09

| 9/2019 22 Serie Hektisch geschnittene Filmclips von jung­ dynamischenWissenschaftlern in biomedizi­ nischen Hightech-Laboren, Nerds am Lötkol­ benundOszilloskop, Achterbahnfahrtendurch Animationen eines Gewirrs aus Nervenzellen,... Und dazwischen verkündet der Auto- und Ra­ ketenbauer Elon Musk in messianischer Pose seine neueste Vision: Die Symbiose des menschlichen Gehirns mit künstlicher Intelli­ genz (KI)! Realisieren wird diesen die Mensch­ heit rettenden Plan das revolutionäre Brain Machine Interface (BMI) seiner Firma Neura­ link. Ich hätte die Narreteien meines Kollegen getrost ignoriert, wenn diese nicht in den Räumen der CaliforniaAcademy of Sciences zur Aufführung gekommen wären – und wenn das Video hiervon nicht auf der ganzen Welt einen ungeheuren Medien-Hype ausgelöst hätte. Einhelliges Urteil in Presse und Netz: „Ein typischer Musk, den Mund wieder etwas voll genommen, aber wenn der so etwas an­ kündigt, wird schon was dran sein. Allerdings: Ist das nicht auch gefährlich, brauchenwir viel­ leicht eine neue Ethik?“ Dummerweise ist rein gar nichts dran! Nicht, weil es mit dem BMI einfach noch ein bisserl dauert, bis wir damit unsere Gedan­ ken runter- und neue Inhalte ins Gehirn hoch­ laden können – und wir dadurch endlich hy­ perintelligent werden. Auch nicht, weil Musk in seiner Präsentation maßlos übertreibt, was er mit seinem BMI mutmaßlich schon alles er­ reicht hätte.Was er natürlich selbstredend tut. Nein, es wird deshalb nichts mit der Ge­ hirn-KI-Symbiose, weil die Musksche Vision gleich auf drei fundamentalen Fehlern beruht. Einer betrifft das Prinzip von BMI, ein zweiter das Konzept vom Gehirn als Computer – und der dritte Fehler ist eine falsche Vorstellung davon, was KI wirklich ist. Diese Fehler sind leider sehr populär, auch beiWissenschaftlern. Umsomehr lohnt sich hier ein närrischer Blick. Herr Musk schreibt ein Paper Der über Twitter gestreute Internetauftritt strotzt vor bunten Bildern und spektakulären Ankündigungen. Sogar einNeurochirurg steht auf der Bühne, in voller OP-Montur. Inhaltlich gibt die Präsentation aber leider wenig her. Herr Musk verweist uns bezüglich technischer Details deshalb auf einen von ihm als Single Author publizierten„wissenschaftlichen Arti­ kel“ in BioRxiv . Schauen wir uns den also erst einmal an. Musk beschreibt darin Komponenten eines BMI, also chirurgisch ins Gehirn implantierter Elektroden, die elektrische Hirnaktivität ab­ leiten. Nach einem Training kann das Gehirn hierüber mit einem Computer kommunizie­ ren und auf dieseWeise eine„Maschine“ steu­ ern. Dies könnte ein Roboterarm sein, oder das Bewegen eines Mauscursors. Der Artikel beschreibt oberflächlich einige Elemente ei­ nes nicht-funktionalen BMI-Prototypen: Elek­ troden zur Ableitung von Hirnaktivität, einen Chip zur Verarbeitung und Übertragung der Signale sowie einen OP-Roboter zum Einset­ zen der Elektroden in Gehirn. Es fehlt aller­ dings alles, was nach der Ableitung der Sig­ nale noch benötigt wird – also etwas, das ge­ steuert wird. Herr Musk beschreibt hier also kein BMI, sondern nur Teile davon. Bemerkenswert ist zunächst einmal sei­ ne Alleinautorschaft, obwohl völlig klar ist, dass er den Artikel gar nicht verfasst haben kann. Das ist zwar das geringste Problem des Artikels, aber festzuhalten bleibt – auch mit Blick auf den vonmir geschätzten Preprint -Ser­ ver BioRxiv –, dass dies ein klarer Verstoß ge­ gen die international akzeptierte Publika­ tionsethik ist. Sehr bedenklich auch, dass die im Artikel nur angedeuteten Tierexperimen­ te durch ein Firmen-internes ReviewBoard „ge­ nehmigt“ wurden – in den USA zwar lege ar- tis , in Deutschland jedoch zumGlück undenk­ bar. Musk und Co. haben also selber entschie­ den, dass die Experimente ethisch vertretbar sind. Ganz abgesehen davon, dass der Artikel unbegründete Hoffnungen bei verzweifelten Wenn Autobauer Hirne hacken Einsichten eines Wissenschaftsnarren (22) Foto: BIH/Thomas Rafalzyk Ulrich Dirnagl leitet die Experimentelle Neuro- logie an der Berliner Charité und ist Gründungsdirektor des QUEST Center for Transforming Biome- dical Research am Berlin Institute of Health. Für seine Kolumne schlüpft er in die Rolle eines „Wis- senschaftsnarren“ – um mit Lust und Laune dem Forschungsbe- trieb so manche Nase zu drehen. Pionier des autonomen Fahrens scheint dem Visionär und Unterneh- mer Elon Musk nicht genug. In einem Paper beschreibt er, wie er unsere Gehirne mit künstlicher Intelligenz symbiotisch vereinen will. Und fällt dabei auf die gleichen Dinge rein wie viele Wissenschaftler. »Der Artikel ist ein klarer Verstoß gegen die international akzep- tierte Publikationsethik.«

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