Laborjournal 2019-10

| 10/2019 62 BUCH ET AL. Zwanzig Jahre später. Der Megakonzern Fu- turia hat die Biotechnologie revolutioniert. Mithilfe der CRISPR/Cas-Weiterentwicklung SUSGE, Schnellem und Sicherem Genome Editing , zerschnippeln Wissenschaftler das menschliche Genom und setzen es beliebig wieder zusammen. Die Menschheit steuert in eine Zukunft ohne Krankheit, ohne Leid und – so verspricht es Futuria – eine Zeit des ewi- gen Lebens für jedermann. Aber:Wie viele un- sterbliche Menschen kann die Erde ertragen? Die werden es schon schaffen Die Folgen des Klimawandels sind in„Ewi- ges Leben“ allgegenwärtig: Hitze, Trockenheit, Wetterextreme. Das beschäftigt auch Papst Pius XIII:„Die Gletscher schmelzen, der Meeres- spiegel steigt, in denTundren dieserWelt taut der Permafrostboden und setzt großeMengen an Methan frei, das den Treibhauseffekt noch weiter verstärkt. Wir sind über den Punkt hin- aus“ (Seite 88). Das Oberhaupt der römisch-ka- tholischen Kirche ist demwissenschaftlichen Fortschritt nicht abgeneigt, siehtmehr dieNot- wendigkeiten und Chancen als mögliche Ge- fahren. Kurz: Er glaubt daran, dass Futuria es schon richten wird. Der gleichen Meinung ist auch die Jour- nalistin Sophia Marchetti, die zum zwanzig- jährigen Bestehen des Unternehmens einen Exklusivbericht über Futuria veröffentlichen darf. Die auch Impietosa genannte Frau, die Verfechterin der Wahrheit, sieht darin keinen Zwiespalt, wenngleich Futuria in regelmäßi- gen Abständen ihre bösartige Krebserkran- kung therapiert. Sie ist der Überzeugung, dass Futurias Weg der richtige ist. Futuria hat jedoch noch ein zweites Standbein: künstliche Intelligenz. Auch hier haben zwei Dekaden Entwicklungsarbeit Er- staunliches hervorgebracht. Virtual und Aug- mented Reality ist Normalität, die Flucht in virtuelle Welten, Eden , gehört zum Alltag. Jeder kann sich seine Welt gestalten, wie es ihm beliebt. Die Möglichkeiten sind unbe- grenzt: Raumstationen mit Zombies, Duelle inWildwestmanier, ein überflutetes NewYork. Aber Eden kann noch mehr: Diese virtuelle Welt, ein komplexer Algorithmus, kann Exis- tenzen dauerhaft aufnehmen. Biokyberneti- sche Schnittstellen verknüpfen das mensch- liche Hirn mit der virtuellen Realität, und er- lauben gar den Transfer des Bewusstseins. Ein körperloses, unendliches Leben aus Ein- sen und Nullen, über den physischen Tod hi- naus. „Wenn die Simulation so gut ist, dass die menschlicheWahrnehmung die simulier- teWelt nicht von der Wirklichkeit unterschei- den kann – welchen Sinn hat es dann, zwi- schen Schein und Realität unterscheiden zu wollen?“ (Seite 270), fragt deshalb nicht zu Unrecht der Arzt Ignazio. Zweimal ewiges Leben, zweimal Futurias Vision. Ein bedenkliches Konstrukt. Wenig verwunderlichmehren sich die kri- tischen Stimmen der Unheilspropheten und Verschwörungstheoretiker, gebündelt undma- nifestiert in Jossul. Der Traditionalist, manch einer ließe sich vermutlich zur Einordnung als Fundamentalist hinreißen, hört Gottes Stim- me und will den zweiten Sündenfall des Men- schen, das ewige Leben, um jeden Preis verhin- dern. Gemeinsammit seinen Cherubim zieht Jossul deshalb in den Krieg, gegen Futuria, ge- gen den Papst, gegen die Menschheit. AuchMarchettis Zweifel wachsen; die jour- nalistische Neugierde obsiegt und zwingt sie und ihren Kollegen Borris Ekström, hier und dort etwas genauer hinzuschauen. Nicht ganz unschuldig daran ist Casper, der erstaunlich gut Bescheidweiß.Wer, oder besser was ist er? Wieso muss er sich verstecken, und vor wem? Auf einmal gibt es mehr Fragen als Ant- worten, und mit jeder Antwort bröckelt Futu- riasWeltretterfassade ein wenig mehr. Es be- ginnt die Suche nach derWahrheit, nach dem Wissenschaftler Pascal Salomon Leclerq und dem ominösen Projekt M. Science und Fiction Andreas Brandhorst ist kein Unbekann- ter. Der vielfach mit Preisen ausgezeichnete norddeutsche Autor und Übersetzer schaut gern in eine düster-dystopische Zukunft. Dabei legt er eine beachtenswerte Produktivität an den Tag. Allein dieses Jahr – somit nach dem im vergangenen Herbst erschienenen „Ewi- ges Leben“ – veröffentlichte Brandhorst drei weitere Romane, keiner dünner als 460 Sei- ten. Da darf man schon von einer gewissen Routine sprechen. Ebendiese lässt die Sprache angenehmflie- ßen und sorgt so für ein unterhaltendes Lese- vergnügen. Parallele Erzählstränge, hauchzart aneinander vorbeischrammend und sich dann doch wieder entfernend, verbinden sich zum Schluss zumgroßenGanzen. Auf der einen Sei- te stehenwissenschaftliche Fakten, auf der an- deren Seite ergehen sich Brandhorsts fein ge- zeichnete Charaktere in philosophischenÜber- legungen zuGöttlichkeit undGlauben. Paralle- len zur biblischen Schöpfungsgeschichte („Und Gott sah, dass es gut war.“) sind kaum zufällig: „Die weiße Frau blickte dem Bison nach und sah, dass ihrWerk gut war.“ (Seite 473). So wird Mutter , dieWächterin von Eden , zu weit mehr als einem künstlichen Super-Algorithmus; ein faszinierendes Gedankenexperiment. Da sei es auch verziehen, dass das Ende etwas an Span- nung verliert und sich stellenweise zu perfekt und überstürzt auflöst. Leseempfehlung für Fans dunkler Zu- kunftsvisionen. Sigrid März Andreas Brandhorst: Ewiges Leben Piper-Verlag (2018) Sprache: Deutsch, 704 Seiten Preis: 16,99 Euro (broschiert) Der Tod. Alles läuft darauf hinaus. Der Tod ist das Ende des physischen Lebens, wie der Mensch es auf diesem Planeten kennt. Kompromisslos. Unausweichlich. Überwältigt von dieser Erkenntnis macht sich der Wissenschaftler Pascal Salomon Leclerq auf, dies zu ändern. Sein Ziel: „Ewiges Leben“. Eden auf Erden

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