Laborjournal 2019-11

| 11/2019 20 Serie Es steht schlecht um die gesellschaftliche Ak- zeptanz unserer täglichen Arbeit als Wissen- schaftler. DieMehrheit der US-Bevölkerung er- klärt Evolution nicht mit Darwin, sondern mit der heiligen Schrift. Die Masern sind weltweit wieder imKommen, weil Impfgegner eineVer- schwörung der Pharmaindustrie wittern, die Kinder zu Autisten macht. Ein substantieller Anteil der Bevölkerung hält den Klimawandel nicht für vomMenschen verursacht – sondern für Hysterie, die interessierteWissenschaftler aus Wichtigtuerei sowie Konkurrenz um För- dermittel schüren. Homöopathen behan- deln Krankheiten mit Zuckerkügelchen, und die Kassen – also wir – müssen dafür zahlen. Ein populäres Rezept gegen diese zuneh- mende Ablehnung relevanter Ergebnisse aus derWissenschaft ist mehr und bessere Vermitt- lung von Wissen in Schule und Medien. An- geregt durch einen Vortrag des prominenten amerikanischenWissenschaftssoziologen und -historikers Steven Shapin erlaube ichmir, hie- ran zu zweifeln. Denn der Kern des Problems liegt keineswegs am so naheliegenden, aber dennoch falschen Befund einer Krise in der Ak- zeptanz vonWissenschaft und derenWahrhei- ten. In der Kritik steht nämlich nicht die Wis- senschaft – sondern vielmehr Institutionen, Autoritäten und Eliten. Den Kritikern passen konkrete Ergebnis- se und Handlungsempfehlungen derWissen- schaft nicht. Die Wissenschaft und ihre Me- thode bleiben hingegen verschont. Ihre Argu- mente tragen sie sogar imNamen von gerade durch uns hochgehaltenenWissenschaftsnor- men vor: Skeptizismus und Unabhängigkeit von erkenntnisschädlichen Interessen. Die Kritiker sind skeptisch und reklamieren das wissenschaftliche Prinzip der Falsifikation für sich. Sie bedienen sich dabei Statistiken, Zah- len und Ergebnissen von alternativen„Exper- ten“. Und zu alledem treten sie häufig wie ra- dikalisierte,„bessere“Wissenschaftler auf, die demMainstream den Verrat der eigenen Ide- ale vorwerfen. Neben der„Wissenschaftlichkeit“ in der Ar- gumentation ist auffällig, dass die Liste der an- gezweifelten Befunde relativ kurz ist. Der in der Schule gelehrte Kanon derWissenschaften, al- so die Lehrbuch-Wissenschaft, ist nicht in der Schusslinie. Newton, Maxwell, Einstein – kein Problem. Auch die Fördergeber, wie die DFG, oder die wissenschaftlicheMethode kommen nicht schlecht weg– sondern gar nicht vor. Warum aber dann Ablehnung von Evolu- tionstheorie? Weil die Wissenschaft hier der Religion ganz grundsätzlich widerspricht!Wa­ rum Impfgegnerschaft?Weil sich Eltern erns- te Sorgen um ihre Jüngsten machen! Warum Klimawandel? Weil die Leute nicht ihren Le- bensstil ändern wollen, sondern lieber weiter SUV fahren undmit demFlieger nachMallorca jetten! Warum Homöopathie?Weil die klassi- sche Medizin ihnen oft nicht hilft undmanch- mal sogar schadet! Es geht den Kritikern nicht um wissen- schaftliche„Wahrheit“. Es geht um ganz kon- krete Dinge, die ihnen nicht passen – die aber imNamen derWissenschaft verordnet werden. Das Problem ist folglich nicht wissen- schaftliche Ignoranz, wie häufig behauptet wird. Natürlich herrscht auch Ignoranz bezüg- lich wissenschaftlicher Ergebnisse und Theo- rien – von Aberration bis Zellzyklus. Aber hier wird es so richtig interessant: Dennwir, dieWis- senschaftler des Mainstream, akzeptieren den anthropogenen Ursprung des Klimawandels und die Evolutionstheorie eben nicht deshalb, weil wir dieWissenschaft dahinter verstehen. Greta Thunberg ist keine Expertin in der Modellierung komplexer Systeme. Ebenso ist unser generelles Verständnis wissenschaftli- cher Ergebnisse meist rudimentär bis ober- flächlich. Oder würden Sie behaupten, dieMo- delle der Klimatologen zu kennen und deren wissenschaftliche Korrektheit beurteilen zu können? Könnten Sie erklären, wie ein Chip in IhremHandy funktioniert?Verstehen Sie die Grundlagen der allgemeinen Relativitätsthe- orie? Vermutlich nein. Ist auch gar nicht nötig. Weder um sich in Sachen Klimawandel zu po- sitionieren, noch um ein Handy zu benutzen. Mit welchen Argumenten beharren wir dann aber auf der Rolle des Menschen beim Klimawandel?Oder auf DarwinsTheorie?Unse- re Argumente gründen sich fast ausschließlich auf wissenschaftlicheAutorität. Es ist eine Form von sozialemWissen:Wir vertrauen den Spezi- alisten desWeltklimarats IPCC, den CERN-Phy- sikern, denVirologen des Robert-Koch-Instituts et cetera . Das sind Leute wie wir, wir sind Teil derselbenWissenschaftskultur.Wir kennen die Warum trauen WIR demWeltklimarat, die Klimaskeptiker aber nicht? Einsichten eines Wissenschaftsnarren (24) »Die Wissenschaft hat ihre Unschuld verloren.« Um der derzeitigen Wissenschafts­ skepsis entgegenzutreten, müssen die Wissenschaftler vor der eigenen Haustür kehren. Allerdings ganz an­ ders, als viele denken. Foto: BIH/Thomas Rafalzyk Ulrich Dirnagl leitet die Experimentelle Neuro- logie an der Berliner Charité und ist Gründungsdirektor des QUEST Center for Transforming Biome- dical Research am Berlin Institute of Health. Für seine Kolumne schlüpft er in die Rolle eines „Wis- senschaftsnarren“ – um mit Lust und Laune dem Forschungsbe- trieb so manche Nase zu drehen.

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