Laborjournal 2019-11

| 11/2019 52 Wirtschaft Deutschland ist das Land der Dichter undDen- ker. Okay, und der Autos. In der Automobil- branche ist das Stichwort„Innovation“ deshalb auch kein fremder Begriff. Ob es nun mit der Umsetzung klappt, sei mit dem Blick auf di- verse Skandälchen und die SUV-Schwemme der letzten Jahre dahingestellt. Deutschland hat aber auch eine – mal mehr, mal weniger – blühende Biotechland- schaft. Biotech, Lebenswissenschaften, Tech- nologie – das schreit förmlich nach Innovation, nach Forschung und Entwicklung (F&E). Tat- sächlich wird viel geforscht in Deutschlands Lebenswissenschaften, allerdings nach wie vor primär an Universitäten und anderen For- schungsinstitutionen. Die Industrie tut sich ein wenig schwer, und das nicht nur in Deutsch- land, sondern in ganz Europa. Deshalb haben sich im Jahr 2010 die Mit- gliedsstaaten der EU darauf geeinigt, in einem Strategie Europa 2020 getauften Programm bis zu ebendiesem Jahr mindestens drei Pro- zent ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) in For- schung und Entwicklung zu investieren. Das gelingt Deutschland ganz gut. Der „Bundes- bericht Forschung Innovation 2018“ (heraus- gegeben vomBundesministerium für Bildung und Forschung, BMBF) verzeichnet F&E-Aus- gaben von etwa 92Milliarden Euro (2016) und damit 2,93 Prozent des BIP. Im internationa- len Vergleich liegt Deutschland deutlich über demOECD-Schnitt (2,35 Prozent; OECD = Or- ganisation für wirtschaftliche Zusammenar- beit und Entwicklung). In den 28 europäischen Ländern liegt der Schnitt bei 2,03 Prozent. In der EU investieren nur Schweden und Öster- reich anteilsmäßigmehr in Forschung und Ent- wicklung als Deutschland. Andere fördern schon lange Diese Drei-Prozent-Marke ist allerdings nur zu etwa einem Drittel Verdienst des Bundes. Zwei Drittel finanziert die Industrie mit ihren Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Da- mit das so bleibt oder sich gar weiter steigern lässt, liegt es im Interesse des Bundes, die In- novationskraft der Industrie zu stärken. Das wurde so auch als Ziel im Koalitionsvertrag der aktuell aktiven Regierung formuliert. Die Idee: eine steuerliche Forschungsförderung. Im 2018er-Bericht ( Life Science Companies in Europe ) derWirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG wird dieses Werkzeug aufgeführt, um die Attraktivität eines Standorts zu bemessen. Wenn sich eine Firma entscheidet, wo sie sich niederlässt oder einen neuen Standort eröff- net, schaut sie auf Infrastruktur, Lebensquali- tät, Innovationsintensität, aber auch auf Kor- ruption, politische Instabilität oder Gewalt. Wohl denen, die da noch„Steuerliche Förde- rung“ in die gute Waagschale werfen können. Die meisten der 36 OECD-Staaten bieten mehr oder minder umfangreiche steuerliche Förderungen für Forschung und Entwicklung an, ebenso China oder Russland. Die Höhe der Förderung variiert teils beträchtlich, von bei- spielsweise 0,002 Prozent des BIP in Lettland bis zu mehr als 0,3 Prozent in Belgien. Dem gegenüber stehen Länder, die sich bisher vor- nehm zurückhalten und kein solches Förder- instrument anbieten, etwa Mexiko, Schweiz, Estland – und Deutschland. Also hat sich das Bundesfinanzministeri- umGedanken gemacht undwill diesen unsäg- lich unterförderten Zustand ab Januar 2020 ändern. Mitte April erklärte Olaf Scholz, ab kommendem Jahr vier Jahre lang Steuerer- leichterungen von insgesamt fünf Milliarden Euro zu spendieren – also 1,25 Milliarden pro Jahr. Bei einem BIP von 3.344 Milliarden Euro im Jahr 2018 wären das zwar nur müde 0,04 Prozent, aber immerhin. Ende Mai frohlockte dann die Ministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek:„Für den Innovationsstandort Deutschland und alle Unternehmen, die in unserem Land forschen, Steuerliche Forschungsförderung für Unternehmen Im Zweifel für die Großen Chance oder Farce? Diese Frage stellt sich beim Blick auf den neuesten Fördercoup der Bundesregierung: Industrielle Forschung und Entwicklung in Deutschland – auch die biotechnologische – sollen mithilfe einer steuerlichen Zulage gestärkt werden. Eigentlich eine gute Idee, aber … Illustr.: NIH

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