Laborjournal 2019-12

| 12/2019 20 Serie Fleischkonsum ist schlecht für die Gesundheit. Da winken Krebs, Herzinfarkt, Schlaganfall,... – das volle Programm. Sagt die Ernährungs- wissenschaft. Und die muss es ja wissen. Ist schließlich eine Wissenschaft. Oder? Vor einigen Jahren nahmen sich Jonathan Schoenfeld und John Ioannidis ein normales Kochbuch vor. Daraus wählten sie fünfzig häufig vorkommende Zutaten aus (Zucker, Kaffee, Salz und so weiter) und begaben sich auf eine systematische Literaturrecherche. Konkret fragten sie, ob es ernährungswissen- schaftliche Studien gibt, die das Krebsrisiko dieser Zutaten untersucht hatten. Sie wurden richtig fündig. Zu achtzig Pro- zent der Zutaten lag eine Studie vor, häufig sogar mehrere. Von 264 dieser epidemiolo- gischen Studien fanden 103, dass das unter- suchte Lebensmittel das Krebsrisiko erhöhte; 88 dagegen bilanzierten eine Verringerung des Krebsrisikos! Also hatte Joe Jackson doch recht: „Everything gives you cancer!“ Aber kann das sein? Milch? Kalbfleisch? Orangensaft? Es kommt noch toller: Zwölf Haselnüsse am Tag erhöhen die Lebenserwartung um zwölf Jahre, also ein Jahr pro Nuss! Alterna- tiv kann man drei Tassen Kaffee am Tag trin- ken, das bringt dasselbe Ergebnis. EineManda- rine amTag ist dagegen weniger effektiv: Nur fünf Jahre Lebensverlängerung. Vorsicht ist in- des bei Eiern geboten: Eines amTag, undman lebt sechs Jahre kürzer. Zwei Scheiben Bacon pro Tag kosten einen ganze zehn Jahre – das schafft man nicht mal durch Kettenrauchen. Auf solche Hochrechnungen kommt man tatsächlich, wenn man sich der Analyse von ernährungswissenschaftlichen Kohortenstu- dien anschließt und deren kausale Rhetorik ernst nimmt. (Zitate hierzu gibt es wie immer unter http://dirnagl.com/lj ) Da ist es doch beruhigend, wennman sich auf solidere Evidenz verlassen kann, die zu- dem auch viel plausibler ist. Wie zum Beispiel die, dass die mediterrane Diät – also Olivenöl, Rotwein et cetera – so richtig gut fürs Herz ist; dass sie also nicht nur schmeckt, sondern dass manmit ihr auch länger bei besserer Ge- sundheit lebt: Steht im Lehrbuch, in der Bun- ten – und wurde in einer Großen Studie na- mens PREDIMED belegt, veröffentlicht im re- nommierten New England Journal of Medici- ne . Eine der wenigen interventionellen, kon- trollierten und randomisierten Studien in der Ernährungsforschung! Aber wussten Sie, dass diese Studie zu- rückgezogen werden musste?Weil es gravie- rende Protokollverstöße gegeben hatte, und die Daten möglicherweise manipuliert wur- den. Außerdemwurde gar keine mediterrane Diät getestet, sondern Nahrungsergänzung. Schwammdrüber, der Gavi und die inOlivenöl angebratene Dorade schmecken trotzdem... Ein ähnliches Schicksal erlitt zuletzt das verwandte French Paradox . Wir erinnern uns: Trotz höherem Konsum von gesättigten Fet- ten (zum Beispiel im Käse!) scheinen Franzo- sen, insbesondere imVergleich zu Briten, ein relativ niedriges Risiko für koronare Herzer- krankungen zu haben.Wenn das mal nicht am Rotwein liegt, den die Franzosen so lieben! In der medienwirksamen Kurzformalso: Rotwein schützt vor koronarenHerzerkrankungen. End- lich mal ein brauchbarer ärztlicher Rat! In den Jahren nach Veröffentlichung des Paradoxons samt weiterer Studien explodierte der Konsumvon Rotwein, insbesondere in den USA. Auch die Grundlagenforschung wurde aktiv: Legionen von Mäusen wurden betrun- ken gemacht, und isolierte Arterien in diver- sen alkoholischen Medien gebadet... Dreißig Jahre nach der Erstbeschreibung und Hunderte von Studien später ist von der Euphorie leider nichts mehr übrig. Das Pa- radox ist vermutlich ein Artefakt der unter- schiedlichen Erfassung von Herzerkrankun- gen in Frankreich und UK sowie einer zeitlich versetzten Änderung von Essgewohnheiten in beiden Ländern. In jedem Fall konnte letzt- lichweder Rotwein noch irgendeine andere Er- nährungsgewohnheit dingfest gemacht wer- den. Vom französischen Paradox spricht heu- te daher in wissenschaftlichen Kreisen diskre- terweise niemand mehr. Auch beimAlkohol stellte sich inzwischen heraus: Der vermeintliche protektive Effekt ist ein statistisches Artefakt (Wie so oft: ungeeig- nete Vergleichsgruppen und ungenügende Korrektur von „Störfaktoren“, fachbegrifflich: Konfoundern). Und die Chinesen haben dann dieses Jahr mit einer Megastudie (500.000Teil- nehmer, zehn Jahre Nachverfolgung, Genoty- pisierung,...) die Story vom schützenden Effekt vonmoderatenMengenAlkohol endgültig ab- Ist das Wissenschaft, oder kann das weg? Einsichten eines Wissenschaftsnarren (25) »Legionen von Mäusen wurden betrunken gemacht.« Die kausale Rhetorik ernährungs- wissenschaftlicher Studien ist doch kaum noch ernst zu nehmen. Foto: BIH/Thomas Rafalzyk Ulrich Dirnagl leitet die Experimentelle Neuro- logie an der Berliner Charité und ist Gründungsdirektor des QUEST Center for Transforming Biome- dical Research am Berlin Institute of Health. Für seine Kolumne schlüpft er in die Rolle eines „Wis- senschaftsnarren“ – um mit Lust und Laune dem Forschungsbe- trieb so manche Nase zu drehen.

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