Laborjournal 2019-12

21 12/2019 | SERIE gekegelt. Jedes Tröpfchen„C2“ ist von einem gesundheitlichen Standpunkt aus eines zu viel. Nachrichten, die zu gut klingen, um wahr zu sein, sind eben häufig genau das: Nicht wahr! Freilich ist die Ernährungsforschung je- doch keineswegs umneuen gesundheitlichen Rat verlegen. Nun sind es die Omega-3-Fett- säuren, die uns gesund ins hohe Alter brin- gen sollen! Mit Franz Beckenbauer sage ich da:„Schaun mer mal, dann sehn mer scho!“ Aber wie steht es eigentlich um den ein- gangs zitierten Konsum von Fleisch – vor al- lem, wenn es rot ist?Vor Kurzemwurdenmeh- rere sehr große Metaanalysen veröffentlicht, alle in einer Ausgabe der Annals of Internal Medicine . Resultat: Der Einfluss von Fleisch- konsum auf die Gesamt-Mortalität oder kar- diovaskuläre Resultate ist, wenn überhaupt vorhanden, gering! Die Liste der Assoziationen bestimmter Er- nährungsweisen mit Gesundheit, Krankheit, erhöhter oder erniedrigter Lebenserwartung ist folglich fast endlos. Manchmal bringen Stu- dien zu ein und derselben Ernährungsweise gar entgegengesetzte Ergebnisse. Fast immer jedoch wird aus der behaupteten Assoziation eine kausale Beziehung gefolgert. Die Korrela- tion des Konsums von Lebensmittel X mit ei- nembestimmtenAusgangYwird dann schnell zu: Konsum von X bewirkt Krankheit Y! Dabei weiß jeder, wie viele Faktoren unsere Essge- wohnheiten beeinflussen – viele davon in ei- ner unauflösbaren Wechselbeziehung. In seiner Totalität hat das, was wir essen, natürlich großen Einfluss auf unsere Gesund- heit. Aber einzelne Lebensmittel spielen dabei in der Regel eine geringe Rolle. Dazu schwebt über demGanzen zudem der sozioökonomi- sche Status – oder weniger verklauselt:Wie viel jemand zumLeben hat. Eine legendäre Studie hat in diesemZusammenhang einmal den In- halt von Einkaufstüten an der Supermarktkas- se untersucht: Nicht überraschend finden in den Tüten Bier, Wodka, Dosenfleisch und Zi- garetten auf der einen Seite zusammen – Rot- wein, Olivenöl, Salat und Müsli dagegen auf der anderen Seite. Wussten Sie, dass in Deutschland laut of- fizieller Gesundheitsberichtserstattung des Bundes der Unterschied in der Lebenserwar- tung zwischen den niedrigsten und höchsten Einkommensgruppen bei Frauen 13,3 und bei Männern 14,3 Jahre beträgt? Der gleiche Be- fund, nur noch extremer: Zwischen den End- stationen einer U-Bahn-Linie in Chicago ( Red Line ) nimmt die Lebenserwartung von Nord (dort wohnendieGutsituierten) nach Süd (dort sind die „Problemviertel“) graduell um drei- ßig Jahre ab! Ob das wohl am Olivenöl liegt? Für die Lebensumstände der Leute samt der Tatsache, dass diesemit Essgewohnheiten und genetischen Faktoren in nicht aufzulösen- deWechselwirkung treten, können die Ernäh- rungsforscher wahrlich nichts. Ebenso wenig sind sie schuld daran, wenn ihre Ergebnisse in denMedien übertrieben oder sogar verfälscht dargestellt werden. Fast jede größere ernäh- rungswissenschaftliche Studie, die ein gängi- ges Nahrungsmittel zum Gegenstand hatte, taucht in der Laienpresse auf – oft in reißeri- scher Aufmachung. Auch können Ernährungs- wissenschaftler nichts dafür, dass es in ihrem Feld schwierig ist, randomisiert kontrollierte, prospektive Interventionen zu untersuchen. Wofür die Ernährungswissenschaft aber schon was kann, sind methodische Mängel. Einige davon habe ich oben bereits benannt. Problematisch ist auch, dass Ernährungs- wissenschaftler in Gremien sitzen, die häufig auf Basis schwacher Evidenz weitreichende Er- nährungsempfehlungen geben. Dazu kommt, dass in der klinischenMedizin insgesamt, aber in der Ernährungswissenschaft ganz beson- ders, Interessenskonflikte das Design, die Ana- lyse und die Interpretation von Studien stark beeinflussen. Der Einfluss der Nahrungsmit- telindustrie auf diemedizinischeWissenschaft ist mindestens so groß wie die der Pharmain- dustrie. Und das will was heißen. Zieht man all dies ab – Medien-Hype, Verwechslung von Kausalität und Korrelati- on, Überschätzung von Effektstärken, Unter- schätzung von Wechselwirkungen und Kon- foundern –, dann kann man die Ergebnisse der Ernährungsforschung letztlich auf das zu- rückführen, was uns schon unsere Großmüt- ter mit auf denWeg gegeben haben: Am ge- sündesten ist eine vielfältige und ausgewo- gene Diät, nicht einseitig und bloß keine Ex- zesse. Ein bisschen Obst und Salat, auch mal ein Stück Fleisch, nicht zu viel Fett. Was ein Omnivore eben so braucht. Und weil wir uns viel weniger bewegen als unsere Vorfahren vor ein paar hunderttausend Jahren: Aufpas- sen mit den Kalorien, auch mal ins Schwitzen kommen! Oder mit JohannWolfgang Goethe: „Nur durch Mäßigung erhalten wir uns.“ Aber ist das Wissenschaft? Weiterführende Literatur und Links finden sich wie immer unter: http://dirnagl.com/lj Sämtliche Folgen der „Einsichten eines Wissenschaftsnarren“ gibt es unter www.laborjournal.de/rubric/narr »Der Einfluss der Nahrungs- mittelindustrie ist enorm groß.« PROTEINISOLATION - RESINS, KITS, SÄULEN UND ZUBEHÖR

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