Laborjournal 2019-12

| 12/2019 34 WiRtscHaft Mangelnde Reproduzierbarkeit von veröf- fentlichten Daten gibt es nicht erst seit ges- tern, und auch nicht erst seit fünfzehn Jahren. Aber mit der scheinbar exponentiell steigen- den Menge an wissenschaftlichen Publikatio- nen nahm zuletzt auch die Zahl der zurückge- zogenenVeröffentlichungen zu. Gründe dafür gibt es viele: Falsche Fragestellung, schlechtes experimentelles Design, mangelhafte Statis- tik oder schlichtweg bewusste Fälschung. Of- fenbar spielen aber auch Forschungsantikör- per eine nicht gerade kleine Rolle. Rückblick: Bereits im Jahr 2008monierten schwedische Wissenschaftler, dass man von über 6.000 Antikörpern, die sie im Rahmen des Human-Protein-Atlas -Projekts validiert hat- ten, fünfzig Prozent in die Tonne treten kön- ne ( Mol. Cell. Proteomics 7: 2019-27). Nachdem auch andere in das Klagelied eingestimmt hat- ten, waren die vermeintlich Schuldigen schnell gefunden: Polyklonale Antikörper. Oder doch nicht? Ein Hin und Her, ein Für undWider ent- spann sich zwischen Anhängern und Kritikern der affinen „Allesbinder“: super-sensitiv ver- sus unspezifisch, einfach und in ordentlichen Mengen herstellbar versus unbeständig und chargenabhängig (siehe dazu auch Laborjour- nal 6/2016: 44-50) . So forderten die einenmehr monoklonale Antikörper, die anderen ein„Herz für Polyklonale“, während sich klammheimlich die neuen potenziellen Superstars, rekombi- nante Forschungsantikörper, ihren Weg aus dem Antikörperdickicht schaufelten. Klar ist nun nach einigen Jahren: Die po- lyklonalen sind noch lange nicht weg vom Fenster, und die rekombinanten ebenso lan- ge noch nicht die Superstars. Aber es ist Be- wegung im Markt. Umsätze wachsen stark Je nach Quelle soll das Umsatzpoten- zial des globalen Marktes für kommerzielle Forschungsantikörper im Jahr 2022 bei bis zu drei Milliarden US-Dollar liegen, mit jähr- lichen Wachstumsraten von vier bis sechs Prozent. Werden zudem noch assoziierte Re- agenzien berücksichtigt, sprechen Marktana- lysten gar von möglichen Umsätzen bis 12,6 MilliardenUS-Dollar (2022). Dementsprechend tummelt sich ein Haufen kleiner, großer und noch größerer Produzenten und Verkäufer von Forschungsantikörpern auf dem globalen Lebens- wissenschaftenmarkt (sie- he Tabelle 1) und teilen den gigantischen Kuchen unter sich auf. Listete die Biomolekül- Übersichtsplattform Biocompare 2016 noch mehr als 300 Anbieter von Forschungsantikörpern, sind es heute noch 149. Die Anzahl verfügbarer Antikörper hat sich von 2,6 Millionen (2016) auf 2,9 Millionen (2019) leicht erhöht. Davon sind 1,84 Millio- nen primäre Antikörper – 1,38 Millionen da- von polyklonal, 407.300 monoklonal. Die Li- fe-Science -Suchmaschine CiteAb findet gar 4,5 Millionen Antikörper von 192 Anbietern (2016: 3 Millionen Antikörper von 135 Anbietern). Interessant: ImJahr 2016 fand die deutsch- sprachige Antikörper-Suchmaschine Antikoer- per-online.de gerade einmal 103 rekombinan- te Antikörper, das entsprach einem Anteil an allen Primärantikörpern von nur 0,01 Prozent. Inzwischen ist die Zahl auf knapp 5.000, also 0,33 Prozent gestiegen (380.000 monoklona- le Primäre; 1,1 Millionen polyklonale Primä- re). Möglicherweise ist es noch zu früh, von einem Trend zu sprechen, aber eine gewisse Tendenz ist nicht zu leugnen. Vorteile rekom- binanter Antikörper sind: » Sie können tierfrei (wenn als Basis bei- spielsweise Phage Display angewandt wird) oder zumindest unter Einsatz weniger Tiere hergestellt werden (etwa bei der Nutzung von Antikörper-Bibliotheken aus Hybridomzellen); » durch die Expression der leichten und schweren Immunglobulin-Ketten in Zellkul- turen können auch Antikörper gegen toxis- che oder nicht-immunogene Antigene pro- duziert werden; » die Produktion ist beinahe beliebig ska- lierbar. Dennoch ist die Entwicklung und Produk- tion rekombinanter Antikörper nach wie vor zeit- und kostenaufwendig, zumindest vergli- chenmit den bereits etablierten Systemen zur Produktion klassischer mono- und polyklo- naler Forschungsantikörper. Da wundert es nicht, dass insbesondere finanzstarke Unter- nehmen in die Umstellung auf rekombinante Antikörper investieren. Besonders aus derMas- se heraus sticht der Biotech-Gigant und Anti- körper-Marktführer Thermo Scienti- fic mit knapp 4.000 rekombinanten Antikörpern (siehe Tabelle 1) . Dennoch hat dasWehklagen der Anwender noch kein Ende, wenn- gleich sich die Antikörper-Hersteller um bessere Validierungssysteme be- mühen, um ihre verprellte Kundschaft zu besänftigen. Laborjournal wollte wis- sen, wo es konkret nochweiteres Optimie- rungspotenzial gibt – und sprach darüber mit Frank Schestag, dem kaufmännischen Leiter des Antikörper-Anbieters Proteintech: Laborjournal: Herr Schestag, seit Juli 2019 sind Sie bei Proteintech kaufmännischer Leiter und dort zuständig für die Erschlie- ßung des europäischen Marktes. Vorher waren Sie bei MBI Fermentas und Vertriebs- leiter bei Thermo Fisher Scientific. Warum ist Europa interessant für Proteintech? Frank Schestag » Proteintech ist in Eu- ropa noch relativ unbekannt. Bisher sind wir hauptsächlich in China und Nordamerika ak- tiv. Meine Aufgabe ist es nun, das zu ändern – wobei ichmich zunächst primär umden deut- schen Markt kümmere, wie auch umGroßbri- tannien und Frankreich. Ich habe mittlerweile fünf neue Mitarbeiter eingestellt und werde ab Dezember als Geschäftsführer der Protein- techGmbHdie kommerziellen Strukturenwei- ter ausbauen. Dabei hilft mir, dass ich über 19 Jahre Erfahrung im Life-Science -Sektor habe. KommeRZieLLe foRscHunGsantiKÖRpeR „Wir wollen transparent sein“ Im Juni 2016 titelte Laborjournal : „Überteuerter Plunder?“ Damals ging es um die Antikörperkrise, manifestiert durch fehlende Reproduzierbarkeit, Probleme mit der Spezifität und um mangelnden Tierschutz. Grund genug, drei Jahre später erneut einen Blick auf den Antikörpermarkt zu werfen. Leider nicht immer so „super“: Die kommerziellen Antikörper der Laborausrüster Illustr. Instante Biotec

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