Laborjournal 2019-12

| 12/2019 38 Wirtschaft Bryo-warm aus der Pfalz Fassadenbegrüner in ihrem Element: Artificial Ecosystems Martin Hamp, Björn Stichler und Tobias Graf (v.li.n.re. ) Die heißen Sommer der vergangenen zwei Jahre haben es gezeigt: Grüne Städte kom- men besser mit Hitze klar. Bäume und Sträu- cher kühlen durch Transpiration die Umge- bung und wirken einer Überhitzung der Städ- te entgegen. Obendrein produzieren Pflan- zen Sauerstoff und fixieren Kohlenstoffdioxid. Allerdings gibt es in Innenstädten kaum Platz. Reichlich vorhanden sind jedoch Ge- bäudefassaden. Und die werden bereits flei- ßig begrünt – etwa durch Ranken, bepflanz- teMinibalkone oder mit Substrat ausgestatte- te Fassadenelemente. Vertical Gardening liegt voll im Trend. „Der Nachteil ist, dass bisherige Fassa- denbegrünungssysteme sehr pflegeaufwen- dig sind. Tote Pflanzen müssen ausgetauscht, Pflanzen zurückgeschnitten und Unkraut ent- fernt werden. Das kostet Zeit und Geld“, gibt Tobias Graf zu bedenken. Als Gründer und de- signierter Geschäftsführer des künftigen Start- ups Artificial Ecosystems will er einen ande- renWeg gehen: Moose.„Moose haben ein be- grenztes Wachstum“, erklärt Graf. „Wenn die Fläche einmal begrünt ist, wachsenMoose ein- fach nicht mehr weiter. Man muss sie nicht stutzen, und es fällt kein Laub an. Überdies lässt unser System den Samen oder Sporen anderer Pflanzen keine Chance, Fuß zu fassen.“ BryoSYSTEM heißt dieser Ansatz, abgelei- tet von Bryophyta, den Laubmoosen. Glaubt man Tobias Graf, sind diese Systeme die Zu- kunft der Städte. Wartungsarm, pflegeleicht, gut in die Bauplanung zu integrieren und zu- dem nützlich: „Moose nehmen die benötig- ten Nährstoffe direkt aus der Luft auf, darüber hinaus aber auch Stickoxide oder Feinstaub“, schwärmt Graf von seinen Lieblingspflanzen. Wo wächst Moos gut, wo nicht? Schon früh kamder Biologe aufsMoos. Be- reits während seines Studiums an der Techni- schen Universität Kaiserslautern spezialisierte er sich auf Pflanzenökologie. Bald verschlug es ihn in die Abteilung von Burkhard Büdel, laut Graf eine„Koryphäe auf dem Gebiet der Kryptogamen“. Dazu zählen die sogenannten niederen Pflanzen, also Flechten, Algen, Moo- se und Farne. In seiner Diplomarbeit beschäftigte sich Graf dort mit Rand- und Fragmentierungsef- fekten auf die Diversität epiphytischer Moo- se im Nordpfälzer Bergland – wobei ihn vor allem die Frage beschäftigte: „Warum wach- sen Moose an gewissen Stellen besser oder eben schlechter?“ Eine Frage, die Graf auch aus der Pfalz herausführte: ImAmazonas-Ge- biet von Französisch-Guayana untersuchte er tropische Moose, in SüdafrikaWüstenmoose. Für seine Doktorarbeit verließ Graf kurz- fristig die Mooskunde oder Bryologie – wie auch wiederum die Pfalz: An der Technischen Universität München konzentrierte er sich in der Abteilung für Pflanzenernährung von Urs Schmidhalter auf die computergestützte Be- wässerungssteuerung von Hopfen. Mit diesen beiden Komponenten – Moosen und Bewäs- serungstechnik – war der Grundstein für die Geschäftsidee von Artificial Ecosystems gelegt. Zeitgleich war damals gerade eine Moos- wand in Stuttgart aufgestellt worden, um zu prüfen, ob sich durch dieMoose die Stickoxid- und Feinstaubbelastung lokal reduzieren ließe. Doch das Projekt scheiterte, die Moose star- Gründerportrait: Artificial Ecosystems, Kaiserslautern Mit Moos gegen Hitze und schlechtes Innenstadtklima: Die Kaiserslauterner Jungunternehmer von Artificial Ecosystems begrünen Hausfassaden, wartungsarm und nachhaltig.

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