Laborjournal 2020-1/2

| 1-2/2020 26 Serie Wer diese Kolumne häufiger liest, muss den Eindruck gewinnen, dass der Wissenschafts- narr ein rechter Nörgler und Misanthrop ist. Nichts und niemand scheint es ihm recht zu machen. Immer sind ihmdie Fallzahlen zu ge- ring, die Statistiken faul, die Daten handver- lesen. Oder die Ergebnisse zu positiv und die Schlussfolgerungen daraus überzogen. Auch scheint ihmdas Peer-Review -System unzuverlässig. Gar nicht zu reden von den För- dergebern, die hauptsächlichMainstream för- dern und ihr Geld dort abladen, wo sowieso schon viel davon lagert. Selbst der Nobelpreis ist ihm ein atavistisches Instrument zur Fei- er des einsam forschenden, natürlich männ- lichen und weißen Genius. Künstliche Intel- ligenz ist ihm zu stupide, und das akademi- sche Karrieresystem letztlich der Kern allen Übels. Um nur ein paar Beispiele zu nennen. Weit gefehlt! DerWissenschaftsnarr ist ein Wissenschaftsenthusiast. Er ist davon über- zeugt, dass Wissenschaft das Beste ist, was die 1.500 Gramm Eiweiß und Fett in unserer Schädelkalotte je hervorgebracht haben. Ja, er ist vernarrt inWissenschaft. Deshalb heute, zum Anfang der neuen Dekade, erstmal ein ordentlicher Lobgesang auf die biomedizini- sche Wissenschaft... Dass wir in den sogenannten entwickel- ten, also industrialisierten Gesellschaften im Schnitt eine Lebenserwartung von deutlich über achtzig Jahren haben, und dass wir diese Zeitspanne überwiegend gesund verbringen, hat direkt oder indirekt sehr viel mit biome- dizinischer Wissenschaft zu tun. Da fallen ei- nemnatürlich sofort die Antibiotika ein. Oder die nach den Erkenntnissen der Mikrobiologie verbesserte Hygiene, auch imLebensmittelbe- reich. Die Ausrottung des Kindbettfiebers und die Verminderung der Säuglingssterblichkeit. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen – undbeinhaltet beispielsweise Röntgendiagno- stik, Insulin, Polio- und Tuberkulose-Vakzinie- rung, Organtransplantation, Anti-Epileptika, Anti-Parkinsonmittel, Anti-Hypertensiva, Dia- lyse, Immunsuppressiva und vieles mehr. Und auch die letzten Jahrzehnte brachten wieder reichlich echte„Durchbrüche“, so etwa Stati- ne, Protonenpumpen-Blocker, HIV-Therapie, Herceptin und einige andere hochwirksame Tumortherapien. Kombiniertes Resultat all dieser Segnun- gen: Nicht nur die Lebenserwartung, sondern auch die Lebensqualität im Alter ist kontinu- ierlich gestiegen. Nun benutzen wir Forscher gerne das Argument, dass uns genau diese Erfolge ir- gendwann in die demographische Katastro- phe führen werden. Denn wir werden – Stich- wort„Überalterung“ – demnächst alle dement oder als schwerer Pflegefall an der Schnabel- tasse nuckeln. Doch ehrlich gesagt: Wir schla- gen nur deshalb Alarm, dass die meisten Er- krankungen imhohen Alter häufiger würden, damit wir die Forderung nach mehr Förder- mitteln für unsere Forschung besser begrün- den können. Aber Psst!... Grund zur Panik besteht glücklicherwei- se nämlich nicht. Denn altersangepasst sin- ken vielmehr die Morbidität und die Morta- lität vieler Volkserkrankungen. Um nur zwei wichtige davon zu nennen: Schlaganfall und Herzinfarkt. Die Mortalität kardiovaskulärer Erkrankungen hat etwa in den letzten zwan- zig Jahren ummehr als 40 Prozent abgenom- men. Auch dies ist letztlich ein herausragen- der Erfolg der Medizin: Dahinter steckt einmal die Prävention dieser Erkrankungen durch flä- chendeckende Behandlung von Risikofakto- ren wie zum Beispiel hohem Blutdruck. Oder durch die Erkenntnis, dass Rauchen tödlich ist – und dass dieVerbannung von Zigaretten aus demöffentlichen Raumnicht nur die Lungen- krebsrate dramatisch reduziert, sondern auch das Auftreten kardiovaskulärer Erkrankungen. Und selbstverständlich kamen auch neueThe- rapien dazu, wie die Behandlung von Schlag- anfällen und Herzinfarkten durch notfallmä- ßigeWiedereröffnung verschlossener Gefäße. Also: Ein dreifaches Hoch auf die biome- dizinische Forschung! Aber wirddas soweitergehen? Der Anstieg der Lebenserwartung in den industrialisierten Ländern verlangsamt sich, in den USA ist die Lebenserwartung wieder rückläufig. Gleich- zeitig wird mehr denn je geforscht, und, zu- mindest an Fachartikeln gemessen, steigt das Wissen nach wie vor exponentiell. Sowohl die Fach- wie auch die Laienpressemachen uns or- dentlich Hoffnung auf bevorstehende spekta- kuläre Durchbrüche auf fast allenGebieten der Medizin. Gentherapie, personalisierte Medi- zin, Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Big Data sollen uns in ein neues Zeitalter füh- ren, in demKrebs, Alzheimer et al. der Vergan- genheit angehören werden. Und da ist sie wieder, die Skepsis desWis- senschaftsnarren. Nicht so sehr, weil dieDurch- brüche, sollten sie sich denn wirklich einstel- len, aller Voraussicht nach erstmal nur die Be- handlung vonwenigen Patientenmit sehr sel- tenen Erkrankungen betreffen werden – und wo dieTherapiekosten pro Patient dann locker über einer Million Euro liegen werden. Nicht falsch verstehen: Das spricht keineswegs ge- gen Forschung und klinische Studien in die- sen Bereichen, gemahnt uns aber zur Zurück- haltung, was die Skalierbarkeit solcher„indi- vidualisierten“ Therapien betrifft. Kaum zu glauben, wir können mehr als zehn Jahre länger leben! Einsichten eines Wissenschaftsnarren (26) »Was die Skalierbarkeit ‚indivi- dualisierter‘ Therapien betrifft, sollten wir uns zurückhalten.« Personalisierte Medizin verspricht viel. KI- und Big-Data- getriebene Therapien sowieso. Doch eigentlich brauchen wir sie noch gar nicht. »Altersangepasst sinken Morbidität und Mortalität vieler Volkserkrankungen.«

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