Laborjournal 2020-3

| 3/2020 28 Serie Zugegeben, Tierversuche heikles Thema. Wer Tierversuche macht, so wie ich, redet ungern darüber – zumindest außerhalb unseres na- türlichen Habitats, also fernab von Labor oder Fachkonferenzen. Das Gleiche gilt für Einrichtungen, an de- nen Tierversuche durchgeführt werden. Die Max-Planck-Gesellschaft etwa hat Nikos Logo- thetis vom Tübinger MPI für biologische Ky- bernetik imRegen stehen lassen, als er in eine unter der Gürtellinie geführte (Medien-)Kam- pagne geriet. Jetzt ist er samt Labor und Mit- arbeitern auf demWeg nach Shanghai. Auf denWebseiten der einschlägigen For- schungsinstitute findet sich alles Mögliche: bunte Immunohistochemie-Bildchen, Weiß- kittel an Computer und Mikroskop oder mit Pipetten in der Hand. BloßTiere sieht man kei- ne. Am eklatantesten ist dies bei den Auftrit- ten der universitären Krankenhäuser. Stolzwei- sen sie auf ihre Forschungsaktivitäten hin, be- werbenbegeistert (künftige) wissenschaftliche Durchbrüche dermedizinischen (Grundlagen-) Forschung bis hin zu ganz neuen Therapien. Ein Hinweis auf Tierversuche auf dem Cam- pus jedoch? Fehlanzeige. Das ist bemerkenswert. Denn es gibt mei- ner Ansicht nach nur eine einzige Rechtferti- gung dafür, Tiere in der Forschung zu züchten, zu halten sowie ihnen bisweilen Leid zuzufü- gen und sie zu töten: Nämlich wenn es dazu dient, unser Wissen über biologische Prozes- se zu vertiefen, damit daraus direkt oder in- direkt neue und effektivere Therapien entwi- ckelt werden können. Das schließt wohlgemerkt dieGrundlagen- forschung mit ein, welche ja das Fundament für die Überführung vonWissen in medizini- sches Handeln liefert. Anekdotisch belegen die Befürworter dies mit Hinweis auf sound- so viele Nobelpreise, die auf der Basis vonTie- rexperimenten vergeben wurden. Oder etwas pauschaler mit der Behauptung, dass letztlich ein Großteil der Errungenschaften der moder- nen Medizin aus Tierversuchen hervorgegan- gen ist oder sich dieser bedient hat. Für die Neurologie, in der ich mich ein bisschen auskenne, erkläre ich mich hiermit d’accord mit der Aussage, dass unsmindestens fünfzig Prozent der mittlerweile tatsächlich fantastischen Therapien für schlimme Hirner- krankungen wie Multiple Sklerose, Parkinson oder Epilepsie ohne Tierexperiment nicht zur Verfügung stünden. Das ist aber kein Freibrief für jeden Tier- versuch, der mit demHinweis versehen wird, dass dieser möglicherweise Wissen für künf- tigen humanmedizinischen Nutzen liefern würde. Ein Beispiel hierfür ist eine gerade in Nature veröffentlichte Studie von Stammzell- und Regenerationsforschern aus Boston und Sao Paulo. In ihrenVersuchen setzten sieMäu- se einer Vielzahl von Foltermethoden aus, die man von der CIA oder auch aus den Konzent- rationslagern der Nazis kennt: Siewurden über viele Stunden fixiert, ständig in neue Käfige gesetzt, isoliert, feuchter Einstreu in die Käfi- ge geworfen, diese gekippt, grelles Licht in schnellen Abständen mit Dunkelheit abge- wechselt – das Ganze in unvorhersehbarer Fol- ge oder auch in Kombination und über vie- le Tage. Oder es wurde den Mäusen eine ext- rem schmerzauslösende Substanz gespritzt. ImArtikel nennen die Autoren diese Maß- nahmen charmant „Stress Procedures“ . Undwo- zu das alles? Um herauszufinden, dass Stress Haare ergrauen lässt, dass dies durch den Sym- pathikus vermittelt wird und dass dadurchMe- lanozyten-produzierende Stammzellen kaputt- gehen – also diejenigen Zellen weniger wer- den, die den Farbstoff produzieren. Wer das überraschend findet, hat hundert Jahre Stress- forschung verschlafen. Die Ethikkommissionen aller beteiligten Institutionen hatten ihren Segen zu dieser Stu- die gegeben. Aber ist das deswegen tatsäch- lich ethisch vertretbar? Nein! Auch wenn das Ganze in zehn Jahren zu einemShampoo füh- ren sollte, das die Bildung von grauemHaar im Alter verlangsamt. Oder Folteropfern in Guan- tanamo ihre Haarfarbe erhält. Der mögliche Nutzen für denMenschenmuss mit demLeid, das Tieren dafür zugefügt wird, in einem ge- sunden Verhältnis stehen. Sicher, dieses Verhältnis ist nicht leicht zu definieren – aber es gibt klare Grenzen. Und es gibt Dinge, die so grausam sind, dass man sie Tieren – noch dazu derart hochentwickelten wie Mäusen – gar nicht antun darf. Wozu Tierversuche? Medikamente gibt‘s doch in der Apotheke Einsichten eines Wissenschaftsnarren (27) »Ist jede Studie, die die Ethik- kommission absegnet, tatsäch- lich auch ethisch vertretbar?« Ethische Prinzipien zu bemühen, nach denen Tierversuche vertretbar sind, reicht nicht aus. Woran es vor allem fehlt, ist größtmögliche Trans- parenz der Forschungseinrichtungen. Foto: BIH/Thomas Rafalzyk Ulrich Dirnagl leitet die Experimentelle Neuro- logie an der Berliner Charité und ist Gründungsdirektor des QUEST Center for Transforming Biome- dical Research am Berlin Institute of Health. Für seine Kolumne schlüpft er in die Rolle eines „Wis- senschaftsnarren“ – um mit Lust und Laune dem Forschungsbe- trieb so manche Nase zu drehen.

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