Laborjournal 2020-3

| 3/2020 46 Wirtschaft Drug repositioning / Drug Repurposing Bei der Suche nach neuen Wirkstoffen greifen Forscher und Pharmafirmen mitunter auf bereits bekannte und zugelassene Medikamente zurück. Dieses Drug Repurposing oder Repositioning genannte Prozedere spart nicht nur Zeit und Geld, sondern hilft beispielsweise auch bei seltenen Erkrankungen. In den vergangenen zehn Jahren bearbeitete die EuropeanMedicines Agency (EMA) jährlich etwa achtzig Neuzulassungsanträge für Arz- neimittel. Deren US-amerikanisches Pendant, die Food and Drug Administration (FDA), ließ im letzten Jahr 48 neue Substanzen zu – 2018 waren es sogar 59. Hinter jedem dieser Wirk- stoffe stecken zehn bis fünfzehn Jahre Ent- wicklungsarbeit sowie 0,5 bis 1,5 Milliarden Euro Entwicklungskosten. „Gescheiterte“ Wirkstoffe Auf jeden zugelassenen Wirkstoff kom- men zudem etwa zehn weitere, die die Neu- zulassung nicht geschafft, trotzdemaber ähn- lich viel Zeit und Geld gekostet haben. Wenig überraschend also, dass vor allem Pharmaun- ternehmen als Hauptfinanciers neuer Arznei- mittel ein großes Interesse daran haben, den Entwicklungsaufwand zu reduzieren. Eine Möglichkeit ist, auf bereits vorhan- deneWirkstoffe zurückzugreifen. Drug Repo- sitioning , also Neupositionierung von Medi- kamenten, oder Drug Repurposing nennt sich das – und bedeutet nichts anderes, als bereits bekannteWirkstoffe für neue therapeutische Anwendungen zu nutzen. Paradebeispiel Viagra Manchmal fällt beispielsweise während der Entwicklung auf, dass eine Substanz doch nicht genau das tut, was sie eigentlich tun sollte. Dafür eröffnen sich auf einmal völlig neue Anwendungsmöglichkeiten. Zidovudin etwa, ein Thymidin-Derivat, sollte eigentlich ein Krebs-Therapeutikum werden. Bereits Mitte der 1960er Jahre stolperten Forscher jedoch über dessen antiretrovirale Wirkung. 1987 erhielt Zidovudin daher die Zulassung als HIV-Medikament. Ähnlich lief es bei dem wohl weithin bekanntesten Beispiel: Viagra. DessenWirkstoff Sildenafil, ein Phosphodieste- rase-5-Hemmer, wurde 1998 zur Therapie von Erektionsstörungen zugelassen, sollte jedoch ursprünglich gegen Bluthochdruck und An- gina pectoris eingesetzt werden. Aber auch bereits zugelassene Medika- mente können umgewidmet beziehungswei- se ihrWirkspektrum erweitert werden. Leider traurige Berühmtheit erlangte in diesem Zu- sammenhangThalidomid, besser bekannt un- ter dem Handelsnamen Contergan. Das als Schlaf- und Beruhigungsmittel seit 1957 ver- marktete Arzneimittel verursachte schwe- re Schädigungen an un- und neugeborenen Kindern – und wurde erst vier Jahr später vom Markt genommen. Allerdings stellte man spä- ter fest, dass Thalidomid nicht nur schlafför- dernd wirkt, sondern auch Tumorwachstum, Entzündungen und Blutgefäßneubildungen hemmt. 1998 wurde es deshalb als Medika- ment gegen Erythema nodosum leprosum, einer inflammatorischen Komplikation von Lepraerkrankungen, zugelassen – sowie 2009 zur Behandlung von multiplen Myelomen. Auch Generationen neuererWirkmoleküle überraschen hin und wieder. Der therapeuti- sche Antikörper Rituximab beispielsweise ist gegen den B-Zell-Marker CD20 gerichtet und erhielt in den Jahren 1997 und 1998 als ers- Neue Medikamente aus alten Wirkstoffen Foto: iStock / unoL

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