Laborjournal 2020-4

| 4/2020 22 Serie Es rauscht im Blätterwald! Nach Jahrzehnten relativer Stabilität erlebt das akademischeVer- lagswesen einen dramatischen Wandel. Die Geschäftsmodelle der Verlage, aber auch Schlüsselelemente des Publikationsprozes- ses wie zum Beispiel der Peer-Review- Prozess stehen auf dem Prüfstand. Darüber hinaus stellen Forscher und Fördergeber die Recht- fertigung der hohen Verlagsgewinne in Fra- ge. Der technische Fortschritt und das Inter- net haben die Formatierung undVerbreitung von Forschungsergebnissen erleichtert – was die Frage aufwirft, obwir überhaupt nochVer- lage brauchen. Interessanterweise sindneben einigenwe- nigen Aktivisten nicht wirWissenschaftler die Treiber diesesWandels. Wir sind wohl zu sehr mit unserer Forschung beschäftigt – und Ge- fangene eines Systems, in dem unser Verblei- ben und Fortkommen immer noch ganz we- sentlich und sogar oft ausschließlich an die Veröffentlichung hochrangiger Publikationen geknüpft ist. Tatsächlich ist das akademische Anreizsystem – mit dem Impact Factor oder dem Renommee eines Journals – das stärkste verbleibende Bollwerk, welches die Verlags- industrie und ihre Zeitschriften-Hierarchien, wie wir sie kennen, am Leben hält. Nein, es sind die Fördergeber, die Fach- gesellschaften und sogar einige Verlagshäu- ser selbst, die auf Veränderung setzen. Moti- viert durch die aktuellen Zweifel an der Ro- bustheit undWerthaltigkeit unserer Forschung entwickeln sie neuartige Publikationsformate, um die Qualität und Zugänglichkeit der For- schungsergebnisse zu verbessern. Hierzu zäh- len der barrierefreie Zugang (Open Access) zu allen öffentlich finanzierten Forschungsergeb- nissen wie auch die Veröffentlichung von Ar- tikeln vor deren Peer-Review- Prüfung als Pre- prints . Mathematik und Physik haben es mit dem Preprint-Server arXiv vorgemacht, bioR- xiv macht es nun sehr erfolgreich in den bio- logisch-medizinischen Disziplinen nach. Aber es gibt auch ganz neue, spannende Artikelformate, die sich derzeit verbreiten. Das Standardmodell des Publikationsprozesses – nämlich Studie durchführen, Artikel schreiben und einreichen, Peer Review und dann (hof- fentlich) Veröffentlichung – wankt, weil des- sen Nachteile immer deutlicher werden. Wir alle wissen, wie anfällig der Peer-Review -Pro- zess ist: Seilschaften oder Animositäten von Gutachtern, Inkompetenz undZeitmangel, Ho- mophilie, Bevorzugung von Forschungsansät- zen ähnlich unseren eigenen – dazu Ideen­ klau, Intransparenz und Willkür bei der Ent- scheidung der Editoren und so weiter. Aber noch viel Grundsätzlicheres ist pro- blematisch: Nach Abschluss der Studie ist das Pferd aus dem Stall – ein Design mit Mängeln oder eine fehlerhafte Analyse kann nur sel- ten nachträglich behoben werden. Zusätzli- che Experimente, um der Kritik der Gutachter nachzukommen, sind oft durch denWunsch der Autoren beeinflusst, genau die Ergeb- nisse zu erzielen, die die Gutachter gefor- dert haben. Die Nichteinhaltung der„Empfehlungen“ der Gutachter führt dagegen oft zur Ableh- nung – was fast immer eine Kaskade von Ein- reichungen auslöst. Man bewegt sich in der Registered Reports: Was wir von Columbus lernen könnten Einsichten eines Wissenschaftsnarren (28) »Ist jede Studie, die die Ethik- kommission absegnet, tatsäch- lich auch ethisch vertretbar?« Das Artikelformat des registrierten Berichts (Registered Report) würde einige Schwächen des wissenschaft- lichen Publikationssystems ausmer- zen. Aber eignet es sich überhaupt für exploratorische Forschung? »Man bewegt sich in der Hierar- chie der Zeitschriften immer wei- ter nach unten. Das kostet Zeit.« Illustr.: Dirnagl / CC-BY

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