Laborjournal 2020-4

4/2020 | 43 WirtSCHaFt rantänepläne erstellt undVerhaltensmaßnah- men empfohlen werden. Ein erster Schritt ist das Aufspüren des neuen Virus, meist mittels RT-PCR-basierten Methoden. Virologe Christian Drosten, Insti- tutsleiter an der Charité Berlin und 2020 si- cherlich das wissenschaftlich-medizinischeGe- sicht der Corona-Krise in Deutschland, stell- te im NDR-Podcast am 05.02.2020 fest,„dass unsere Labore in Deutschland technisch sehr gut ausgestattet sind, dass unsere Regulari- en in Deutschland sehr frei sind in der Einrich- tung von neuen Testverfahren in Laboren – und dass unsere kassenärztliche Bundesverei- nigung schon im Januar eine Abrechnungszif- fer [für den Diagnostiktest] eingeführt und auf dieseWeise dafür gesorgt hat, dass die Labo- re damit jetzt auch Geld verdienen.“ Und tatsächlich ist Deutschland beimDi- agnostik-Kit-Wettrennen ganz vorne dabei. Hervorzuheben ist etwa die kleine Berliner Diagnostik-Firma TIB-MOLBIOL , die bereits bei der SARS-Pandemie 2002/2003 einewich- tige Rolle spielte. Christian Drosten war da- mals noch am Bernard-Nocht-Institut für Tro- penmedizin (BNI) inHamburg und entwickelte mit TIB-MOLBIOL sowie der Hamburger Artus Biotech, die 2005 von Qiagen aufgekauft wur- de, ein RT-PCR-Kit für SARS-assoziierte Corona- viren. Die Berliner um Geschäftsführer Olfert Landt synthetisierten damals alle vomBNI ent- worfenen Primer und Sonden und verschick- ten sie rund um die Welt. 2003 vergingen noch gut vier Monate vom Krankheitsausbruch bis zumVersand der ers- ten Kits. Dieses Mal ging alles erheblich fixer. „Wir haben unsere Kits bereits ab dem 14. Ja- nuar herausgegeben, damit waren wir wieder einmal die allerersten“, sagt Olfert Landt im Gespräch mit Laborjournal . Sein E-Gen-Assay ging bereits am 11. Januar Richtung Asien, schiebt er sogleich nach. Sachverstand plus Glück Der Biochemiker Landt gründeteTIB-MOL- BIOL 1990 während seiner Doktorandenzeit und leitet – noch immer unpromoviert – seit- dem das Unternehmen. „Wir sind natürlich schon professioneller geworden“, erklärt Landt die beschleunigte Entwicklung.„Aber das Prin- zip der Primer -Herstellung ändert sich ja auch nicht.Wenn ich eine Influenza nachweisen soll, nehme ich eben zwei Influenza- Primer .“ Ganz so banal ist es dann aber doch nicht. AmAnfang einer Epidemie gibt es relativweni- ge Informationen über den Krankheitserreger. Aufgrund der Symptomatik vermuteten Viro- logen jedoch schnell einen SARS-Verwandten als Verursacher von Covid-19.„Zusammenmit einigenVirologen haben wir fundiert geraten und uns auf bekannte, konservierte Regionen imSARS-Genom konzentriert“, sagt Landt, der sich gemeinsam mit einem Forscherteam – wiederum um Christian Drosten, der inzwi- schen als Direktor das Institut für Virologie der Charité Berlin leitet – auf die Suche nach po- tenziellen Primer-Sequenzen begab.„ZumTeil passte das dann ja auch, denn von den drei ge- wählten Gen-Orten sind zwei zu hundert Pro- zent identisch mit dem SARS-CoV von 2003. Das war Sachverstand und Glück.“ Faible für Seuchen Ab dem 10. Januar 2020 lagen dann auch erste Gensequenzen des neuen Virus vor, so- dass die Primer -Sequenz bestätigt und die Synthese in Berlin endgültig hochgefahren werden konnte. Konkret werden drei Gene nachgewiesen. Das E-Gen ( Envelope ) findet sich sowohl beim SARS-Coronavirus von 2003 als auch bei SARS-CoV-2 und enthält die Infor- mation zur Herstellung der Virushülle. Auch das N-Gen ( Nucleocapsid ) codiert für Teile der Virushülle und ist hochkonserviert in SARS- CoV-2 und anderen SARS-verwandten Vi- ren. Spezifisch für SARS-CoV-2 hingegen ist die RNA-dependent RNA Polymerase (RdRP), die als diagnostisches Zielgen und somit zur Abgrenzung zu anderen SARS-ähnlichen Co- ronaviren dient. Die ersten Kits enthielten alle drei Primer -Systeme, die neuen nur noch Pri- mer für das E-Gen – denn der Ansatz ist der sensitivste – sowie für die SARS-CoV-2-spezi- fische RNA-Polymerase. Überhaupt hat TIB-MOLBIOL ein Faible für Seuchen, so scheint es. 2011 bot das Unter- nehmen gemeinsam mit Roche einen Assay für EHEC ( Enterohaemorrhagic Escherichia coli ) an, seit 2005 gibt es Kits für die Geflügelgrip- pe H5N1, seit 2016 für das Zika-Virus. „Es geht darum, über den Ausbruch Herr zuwerden, funktionierende Sequenzen zu fin- den, die nötigen Mengen herzustellen, alter- native Transportwege herauszufinden – es ist also eine Herausforderung auf allen Ebenen“, sagt Landt. Da finden Kits auch schonmal per Mitfahrzentrale ihren Weg in die Niederlan- de oder dringend benötigte Teile per Taxi aus Breslau nach Berlin. Unkonventionell und, wie Landt selbst sagt, ein wenig verrückt – diese Eigenschaften würden in einer solchen Situ- ation helfen. Ein Vorteil von TIB-MOLBIOL ist sicher- lich, dass die Firma mit 35 Mitarbeitern recht überschaubar ist und Entscheidungswege kurz sind:„Wir machen auchmanchmal einfach und lassen Fünfe gerade sein“, fasst LandtTIB-MOL- BIOLs unkomplizierte Herangehensweise zu- sammen. Andere Firmen erstellen zu diesem Zeitpunkt womöglich noch Pandemiepläne oder warten auf irgendwelche Dokumente und Bestätigungen. „Wenn bei einem Unfall jemand verletzt wird, und ich habe aber nur einen abgelaufenenVerbandskasten zur Hand, dann überlege ich auch nicht lange. Ich ge- he an viele Dinge recht pragmatisch heran.“ Das funktioniert gut, denn neben demall- täglichen Geschäft – Oligonukleotidsynthese sowie PCR-Kits für dieDiagnostik – istTIB-MOL- BIOL einer der ersten Ansprechpartner in seu- chenbedingten Krisensituationen. Auch jetzt stehen Landt und seine Kollegen in ständi- gem Kontakt zum Robert-Koch-Institut (RKI) und vielen anderen Institutionen, die er bei der Durchführung der diagnostischen Tests berät und für die er Fehlerquellen aufdeckt. „Auch für die WHO haben wir einen großen Auftrag erledigt – und diese Kits wurden je- weils regional verteilt, zumBeispiel vonMani- la oder Neu-Delhi aus“, sagt Landt. Denn sein Test war der weltweit erste, der erhältlich war. Landt berichtet aber auch von Einschrän- kungen:„SARS-assoziierteViren stehen auf der Biowaffen-Liste, und Nachweissysteme dafür sind exportbegrenzt. Das bedeutet, dass wir einige Länder wie Iran oder Pakistan über- haupt nicht beliefern dürfen.“ Es sei deshalb nicht immer einfach, alle Länder zu erreichen. „In anderen Ländern gibt es unwahrschein- lich viel Papierkram, um Importgenehmigun- gen zu erhalten.“ Auch hier half die pragmatische Herange- hensweise desTIB-MOLBIOL-Geschäftsführers. Über angeboteneWorkshops in einigen afrika- nischen Ländern, gemeinsam organisiert mit The Africa Centres for Disease Control and Pre- vention (Africa CDC), konnten diese Teilneh- mer mit Kits versorgt werden. „So haben wir wenigstens etwa 35 Länder in Afrika erreicht und mit einer Kit-Grundausstattung versor- gen können“, erzählt Landt. Kann Drug Repurposing helfen? Gerade in Ländern mit angeschlagener Wirtschaftslage und Infrastruktur ist eine früh- zeitige, möglichst flächendeckende Überwa- chung der Infektionswege und -raten wichtig. Für ein solches Screening, bei dem naturge- mäß auch viele negative Testergebnisse auf- tauchen, sind entsprechend viele Tests not- wendig. Das weiß Landt, und ist froh, dass in- zwischen zahlreiche weitere Firmen Diagnos- tik-Sets anbieten. Sie alle funktionieren nach einem ähnlichen Prinzip – mal mehr, mal we- niger gut. Somusste beispielsweise Roche sei- nen Cobas-SARS-CoV-2-Test wegen Fehlern überarbeiten, sodass er erst Mitte März die Zulassung der US-amerikanischen Food and DrugAdministration (FDA) erhielt. Dafür ist die- ser Test hochautomatisiert und erreicht hö- here Durchsatzzahlen als manuelle Testkits. Ein weiterer, boomender Markt im Co- vid-19-Geschehen tut sich bei den poten-

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