Laborjournal 2020-4

4/2020 | 45 WirtSCHaFt Im Februar schickte Apeiron APN01 nach China, um dort im Krankenhaus von Guang- zhou Erkrankte behandeln zu lassen. In ei- ner Pilotstudie sollten 24 Patienten siebenTa- ge lang das synthetische ACE2 erhalten, um Rückschlüsse über„physiologische und klini- sche Parameter sowie zu dessen Sicherheit bei Patienten mit schwerer SARS-CoV-2-In- fektion zu erhalten“, schrieb das Unterneh- men in einer Pressemeldung am 26.02.2020. EinigeTage später berichtet Llewellyn-Davies jedoch im Gespräch mit Laborjournal , dass das Vorhaben an neuen regulatorischen An- forderungen in China scheiterte. Jetzt berei- tet Apeiron eine eigene Phase-2-Studie vor, die – so die Hoffnung – in wenigen Mona- ten starten wird. Als letzter Baustein für eine Rund- um-SARS-Versorgung sind Impfungen zu nennen. Deren Entwicklung dauert erfah- rungsgemäß lange, wenngleich sich auch an dieser Front die Meldungen überschlagen. Doch selbst wenn schnell vielversprechen- de Zielproteine gefunden wurden, stehen wohl langwierige Studien und Zulassungs- prozeduren an. Hoffnungsträger mRNA GlaxoSmithKline (GSK) und Clover Bio- pharmaceuticals (China) legten mit ei- ner Protein-basierten Coronavirus-Vakzine (COVID-19 S-Trimer) vor, die kovalent trime- risierte Fusionsproteine der S-Protein-Unter- einheiten von SARS-CoV-2 zur Immunisierung nutzt. GSK stellt für diesen Ansatz Adjuvanti- en zur Verfügung. ImGegensatz dazu bedienen sichmRNA- basierte Impfstoffe des zelleigenen Translati- onsapparates. Die mRNA wird in Partikel ver- packt und im Körper in virale Proteine aus- gelesen, gegen die das Immunsystem sich wie bei einer konventionellen Antigen-Imp- fung in Stellung bringen kann. Der Vorteil: RNA- und DNA-basierte Vakzine lassen sich schnell, günstig und in großen Mengen her- stellen. Auch niedrige Dosen lösen eine re- spektable Immunreaktion aus, sodass zügig Impfdosen für sehr viele Menschen produ- ziert werden können. Vorreiter ist hier sicherlich der Tübinger Vakzine-Hersteller CureVac, der mithilfe sei- ner mRNA-Plattformzur Impfstoffentwicklung SARS-CoV-2-Hüllproteine in Nanopartikel ver- packt. Kurz unruhig umCureVac wurde es Mit- te März, als die US-amerikanische Regierung angeblich versuchte, das Tübinger Unterneh- men kurzerhand aufzukaufen, um sich die fir- meneigene Technologie zu sichern. CureVac und Haupteigner Dietmar Hopp erteilten da- rauf einem Verkauf allerdings eine generelle Absage (Stand: 16.03.2020). Eine ähnliche Entwicklungsstrategie ver- folgt Moderna (USA), die sich mit ihrem Impf- stoffkandidaten mRNA-1273 dem S-Protein von SARS-CoV-2 annimmt (siehe S. 35) . Und dann ist da noch das Mainzer Bio- tech-Schwergewicht BioNTech. Vorbehaltlich behördlicher Genehmigung will es bereits En- de April 2020 zusammen mit internationalen Partnern eine klinische Studie mit ihrem Pro- duktkandidaten BNT162 beginnen. Dieser entstammt BioNTechs mRNA-Impfstoffpro- gramm und soll ebenfalls via eingeschleus- ter mRNA-Anleitungen für SARS-CoV-2-Protei- ne das Immunsystem gegen das Virus scharf- machen. Die Rubel rollen All diese Entwicklungen – Diagnostika, Virostatika und Vakzinen – kosten einen Hau- fen Geld. Wenn man nun nicht gerade Roche oder GSK heißt, dürfte sich das alsbald auf dem Konto bemerkbar machen. Finanzsprit- zen gibt es von etlichen Förderorganen, wie etwa der InnovativeMedicines Initiative (IMI), ei- ner Initiative zur Steigerung derWettbewerbs- fähigkeit der pharmazeutischen Forschungs- einrichtungen in der Europäischen Union. Die machte Anfang des Jahres bereits 45 Millio- nen Euro locker, um die Entwicklung geeig- neter Therapeutika und diagnostischer Tests voranzutreiben. „Als kleines Biotech-Unternehmen benö- tigen wir eine Finanzierung des neuen Pro- jekts“, weiß auch Llewellyn-Davies. Nachdem GSK sich aus der Entwicklung von APN01 zurückgezogen hatte, fehlt nun das nötige Kleingeld für Studien. Doch Apeiron Bio- logics holt sich Hilfe: „Wir sprechen gerade mit Banken und österreichischen Förderstel- len wie dem Austria Wirtschaftsservice oder der Forschungsförderungsgesellschaft, und wir sprechen auch mit der österreichischen Regierung und demWirtschaftsministerium.“ Laut Llewellyn-Davies sind alle Stellen gewillt, zu helfen. Einen Vorteil hat die Konstellati- on allerdings. Sollte APN01 sich als Kassen- schlager herausstellen, hat GSK das Nachse- hen, denn dann wäre Apeiron Biologics al- leiniger Gewinner. Anders sieht die finanzielle Situation in Berlin aus. Dort rollt der Rubel.„Wir haben kurz- fristig den zwei- bis dreifachen Umsatz. Bei der Schweinegrippe 2009/2010 etwa konnten wir unseren Jahresumsatz verdoppeln“, sagt TIB-MOLBIOL-Chef Landt. Statt der üblichen 70.000 Kits pro Jahr haben die Berliner Oli- go-Anbieter in den erstenWochen des Jahres bereits 20.000 Kits produziert und verkauft. Al- lerdings seien dies keine nachhaltigen Effek- te, und nach dem Ende einer Epidemie stelle sich wieder das normale Level ein. Bis dahin heißt es aber: Klotzen, nicht kle- ckern! Denn gerade bei den Diagnostika zäh- len anfangs nicht Tage, sondern Stunden.„Wir haben die Kits nach Hongkong und Taiwan geschickt, da es dort ja die ersten Fälle gab – und das, bevor sie überhaupt bestellt wur- den“, erzählt Landt. Und er ergänzt:„Die Ma- nuals waren noch nicht fertig, die haben wir später hinterhergeschickt.“ Nebenbei muss der normale Betrieb wei- terlaufen, denn die kleine Firma in Berlin kann es sich nicht erlauben, Kunden zu verprellen. Dafür wurde die 35 Mitarbeiter umfassende Belegschaft mit Aushilfskräften aufgestockt. Selbst der eigene Junior hilft aus, und die Ehe- frau – zuständig für Finanzen und Einkauf – sorgte bereits rechtzeitig vor, damit immer ausreichend Rohmaterialien vorhanden sind. Landt selbst spricht von Arbeitszeiten von et- wa„90 Stunden in der Woche“. Über mangelnde Beschäftigung können auch die Mitarbeiter von Apeiron Biologics nicht klagen. „Wir haben ein relativ kleines Team von unter 30 Personen, die nicht nur APN01 bearbeiten, sondern auch andere Pro- jekte“, sagt Llewellyn-Davies. Aber er weiß auch:„Es ist eine Ausnahmesituation, und wir stellen uns dieser Herausforderung mit gro- ßer Motivation.“ SARS-CoV-2 ist auf vielen Ebenen eine He- rausforderung, gesellschaftlich und ökono- misch. Und zumindest die forschenden Bio- tech- und Pharmaunternehmen – so scheint es – haben diese Herausforderung schon seit einer Weile voll angenommen. Sigrid März „Wir stellen uns der Herausfor- derung mit großer Motivation“ Peter Llewellyn-Davies, Apeiron Foto: Apeiron

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